Ringvorlesungen

Gender im 21. Jahrhundert aus interdisziplinärer Perspektive:  Revisionen und Visionen einer neuen Geschlechterforschung

Ringvorlesung und Diskussionsforum Sommersemester 2017

Organisation: Prof. Dr. Doris Feldmann und Prof. Dr. Annette Keilhauer

Die Frage nach der ‚Zukunft von Gender‘, nach kritischen Perspektiven und nach einer neuen Agenda der Geschlechterforschung, beginnt mit der Reflexion des Wandels von Begriffen und Ansätzen – einschließlich deren Folgen. Die allgemeingesellschaftliche Popularisierung von Fragen der Geschlechterdifferenz hat zu begrifflichen Unschärfen beigetragen, die analytisch-kritisch zu beleuchten sind. Dadurch beförderte politisch-ideologische Polarisierungen in Sachen Gender (und z.T. auch Diversity) gilt es zunächst gesellschaftlich-kulturell zu kontextualisieren und zu erklären, um den Blick auf neue Forschungsperspektiven lenken zu können.

Die gesellschaftliche Relevanz von Genderfragestellungen ist größer denn je, zumal sich inzwischen nicht nur die Männlichkeitsforschung etabliert hat, sondern Gender-Identitäten auch zunehmend als multipel bzw. plural verstanden werden.

Die Ringvorlesung soll diese neuen Entwicklungen und Impulse sowohl über einen Input von einschlägigen WissenschaftlerInnen außerhalb der FAU Erlangen-Nürnberg  als auch über einen Austausch innerhalb der FAU reflektieren und fortschreiben – mit dem Ziel einer erweiterten und vertieften multi- bzw. interdisziplinären Zusammenarbeit .

Die Vortragenden werden auf den aktuellen Stand von Genderfragestellungen in ihrer Einzeldisziplin eingehen und deren interdisziplinäre Perspektivierung für zukünftige Forschungen skizzieren.  Folgende Fragen sollen als Grundlage der Diskussion dienen: Welchen Status und Institutionalisierungsgrad haben aktuell Genderthemen in Ihrem Fach? Welche Fragestellungen stehen bei den Forschungen im Zentrum? Welche theoretisch-methodischen Rahmenkonzepte werden hierzu verwendet? Welche aktuellen interdisziplinären Forschungsansätze favorisieren Sie und welche Perspektiven und Notwendigkeiten sehen Sie für eine Weiterentwicklung dieses Lehr- und Forschungsschwerpunkts in der Zukunft?

Termine: jeweils dienstags 18:00-19:30 Uhr in KH 1.020
am 30.5.: Technische Fakultät, KS I (Kurssaal I), Raum 1.421, Cauerstraße 4


16.5.: Prof. Dr. Sigrid Nieberle (Institut für deutsche Sprache und Literatur, Technische Universität Dortmund): „Aufbruch zu neuen Rändern: Konkurrierende und konvergierende Differenzkonzepte in den Literatur- und Kulturwissenschaften“

Dass sich unlängst eine Prügelei in einem Magdeburger Hörsaal entwickelte, weil ein AfD-Politiker aus der Universität vertrieben werden sollte, ist ein deutliches Zeichen für eine zunehmend aggressive Debattenkultur.[1] Dass außerdem der geladene und letztlich am Sprechen gehinderte Politiker aber nur das Vorprogramm zu einem ‚Anti-Gender’-Vortrag eines Neurobiologen darstellte, ist kein Zufall.[2] Im Hintergrund der Saalschlacht auf einem YouTube-Video ist eine Powerpoint-Folie zu erkennen mit der Frage: „Wie tickt das weibliche Gehirn, wie das männliche?“[3] Nun, hoffentlich machen beide keine unangenehmen Geräusche mit ihren Weckrufen, wenn sie uns an den Leipziger Neurologen Paul Möbius und seine Schrift über den „Physiologischen Schwachsinn des Weibes“ (1900) und an Hedwig Dohms Replik „Die Antifeministen“ (1902) erinnern wollen.


30.5.: Prof. Dr. Sigrid Schmitz (Gastprofessur Gender & Science, Institut für Geschichte, Humboldt Universität Berlin): „Gender & Science Technology Studies: Neue Ansätze zur Verschränkung von Natur-Kultur-Technik“

„Bringing Gender into Science“: dieses Anliegen steht seit mehreren Jahrzenten im Zentrum der Gender & Science Technology Studies. Mit der Integration von Konzepten, Forschungsmethoden und epistemologischen Ansätzen der naturwissenschaftlich-technischen Genderforschung geht es um eine Berücksichtigung von Sex/Gender-Aspekten auf allen Ebenen der Forschung und Entwicklung.

Heute werden in verschiedenen naturwissenschaftlich-technischen und biomedizinischen Fächern Verschränkungen und Grenzüberschreitungen zwischen Natur, Technik und Kultur erforscht, z.B. in der Epigenetik, in den Neuro- und Kognitionswissenschaften oder in den Umweltwissenschaften, und in Entwicklungsfeldern eingesetzt. Mit ihrem Advice Paper zu Gender Research and Innovation: Integrating Sex and Gender Analysis into Research Processes schließt sich die League of European Research Universities (LERU 2015) Europäischen und internationalen Top-Down Initiativen zur Unterstützung des Dialogs zwischen der MINT-Fächern und den Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften an, um mit wechselseitiger Expertise Gender bezogenen Ein- und Auswirkungen an diesen Schnittstellen zu berücksichtigen.

Ich werde Ansätze und Strategien für einen solchen inter- und transdisziplinären Dialog zwischen den Gender & Science Technology Studies und den MINT-Fächern vorstellen. Anhand verschiedener Initiativen werde ich die Potenziale und Herausforderungen zur Einbringung von Genderthematiken in den MINT-Fächern zur Diskussion stellen.


13.6.: Prof. Dr. Anatoli Rakhkochkine (Pädagogik, FAU Erlangen-Nürnberg): „Geschlechterdifferenz aus der Perspektive von Diversity Education und internationaler Bildungsforschung“


27.6.: Gender und Differenzkonzepte in der aktuellen kultur- und literaturwissenschaftlichen Forschung: Nachwuchsforum I – Impulsreferate und Diskussion: Dr. Sandra Fluhrer (Komparatistik), Dr. Katrin Horn (Amerikanistik), Maja Jäckle (Anglistik)

Dr. Sandra Fluhrer (Komparatistik)

Männlichkeit als Provokation: Zum Verhältnis von Differenz und Maskerade bei Heiner Müller

Der Beitrag setzt am Verhältnis von Differenz und Différance – zeichenbasierter Grenzziehung und fortlaufender Zeichenverschiebung – an. Im ‚nach-postmodernen‘ akademischen Geschlechterdiskurs lässt sich z.T. ein Unbehagen mit fluiden und performativen Geschlechterkonzepten beobachten. Diesem Unbehagen werden implizite oder explizite Wünsche nach klareren Grenzziehungen entgegengestellt (vgl. aktuelle ‚Genderismus‘-Bewegungen, aber auch – davon freilich unterschieden – Zwischenrufe aus linksliberaler Richtung, wie Manfred Schneiders Plädoyer für mehr agon innerhalb – so die Behauptung – ‚zunehmend verweiblichender‘ Geisteswissenschaften im Feuilleton der NZZ). Aufzuhängen scheint sich die Kontroverse zwischen diesen Positionen insbesondere an Konzepten der Männlichkeit. Bei diesen handelt es sich, so ein wiederholter Befund in der Männlichkeitsforschung, ebenso sehr um Konstruktionen und Maskeraden, wie dies für alle anderen geschlechterdifferentiellen Zuschreibungen gilt. Gleichwohl eignet männlichen Maskeraden vor dem Hintergrund einer ‚männlichen Herrschaft‘ (Pierre Bourdieu) eine Tendenz, ihren letztlich gleichermaßen unhintergehbar trügerischen Charakter weitaus fester und gegründeter erscheinen zu lassen, als dies z.B. für weibliche Maskeraden der Fall ist, die seit jeher als Ausdruck eines Mangels gelten (vgl. dazu u.a. Männlichkeit als Maskerade, hrsg. v. Claudia Benthien und Inge Stephan, 2003). Eine Auseinandersetzung mit strategischen Maskeraden der Männlichkeit findet sich im Werk und in der Autorinszenierung Heiner Müllers. Sie sind in dem Beitrag der Ausgangspunkt für eine Reflexion über die Bedeutung von Differenz im Diskurs und die Frage nach der Möglichkeit eines Einsatzes von Grenzziehungen, die nicht festsetzen, nicht ausschließen und nicht hinter die Erkenntnisse der Geschlechterforschung seit den 1970er Jahren zurückgehen.

 

Dr. Katrin Horn (Amerikanistik)

Camp: Queer-feministische Perspektiven auf Populärkultur

Mein Impulsvortrag wird herauszuarbeiten, wie Camp es ermöglicht, Formen der Repräsentation zu finden, die sich der “Sichtbarkeits-Logik” zeitgenössischer Medien entziehen und nicht die Unterscheidung zwischen ‘positiver’ und ‘negativer’ Darstellung perpetuieren. Anhand kurzer Beispiele aus zeitgenössischer Populärkultur wird der Vortrag erläutern, wie Camp eben solche dominanten Stereotypen und hegemonialen Bewertungsmechanismen sichtbar macht und dadurch der Reflexion und Kritik öffnet. Dabei werden auch die interdisziplinären Aspekte der Analyse (Verbindung von Gender Studies, Cultural Studies, Film Studies, Musicology, und Queer Studies) kurz beleuchtet.

Zur Verwendung des Begriffs: Camp lässt sich als eine Form von Parodie beschreiben, welche durch Übertreibung, Theatralität, Ästhetizismus und Ironie die Konstruiertheit des Referenzobjektes offen legt. Gleichzeitig handelt es sich auch um einen Gemeinschaft stiftenden Code, der davon lebt, dass durch vorgenommene Umwertung ästhetischer Normen auch soziale Demarkierungen in Frage gestellt werden. Speziell dieser kommunal-affektive Aspekt ist in der jüngeren Auseinandersetzung mit Camp in den Hintergrund gerückt, wodurch die ästhetische Strategie und ihre Wirkung allerdings grundsätzlich verfälscht werden. Ich argumentiere dementgegen für eine Definition von Camp als »detached attachment«, also als einer »distanzierten Zugewandheit«. Diese in sich zunächst widersprüchliche Formulierung ist unter anderem deswegen gewählt, weil Camp grundsätzlich durch Widersprüche, Brüche und Unvereinbarkeiten (zwischen Form und Inhalt, Rahmung und Ästhetik etc) gekennzeichnet ist. Darüber hinaus betont die Formulierung des »detached attachment«, wie die Camp-konstituierenden Elemente kritische Reflexion und emotionale Bindung nicht ohne einander zu denken sind und einander jeweils bedingen.

Die theoretische Spezifizierung von Camp ist dabei nicht reiner Selbstzweck, sondern dient einer differenzierten Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Medienprodukten und deren Bedeutung für marginalisierte Zielgruppen.

 

 

Maja Jäckle, M.A. (Anglistik)

Weiblichkeitsentwürfe und Konsum im mittviktorianischen Roman

Spätestens seit der Londoner Weltausstellung von 1851 kann von einer Konsumgesellschaft in England gesprochen werden. Diese Konsumgesellschaft zeichnet sich durch die Zirkulation zahlreicher Waren aus, welche in ‚passivem’ Konsum erworben bzw. in ‚aktivem’ Konsum gehandelt werden. Wenn Konsum im Sinne vom „Erwerb, Besitz und der Benutzung von Waren“ als eine Reihe sozialer, kultureller Praktiken verstanden wird (Eichhammer 2013, 191), kann eine Analyse dieser Praktiken u.a. schichts- und gender-spezifische Diskurse offen legen. Der Weiblichkeitsentwurf eines Mittelschichtsdiskurses bindet die Rolle der Frau im Mittviktorianismus an Mutterschaft sowie effiziente Haushaltsführung. Nimmt man an, dass die materielle Welt der Konsumgegenstände und -praktiken wie auch zeitgenössische Diskurse Eingang in mittviktorianische Romane fanden, lassen sich die narrativ-textuellen Repräsentationen dieser Aspekte untersuchen. Charles Dickens’ Roman Bleak House eignet sich hier für eine exemplarische Analyse: Der Roman erschien 1852 bis 1853 in Fortsetzungsheftchen und liegt damit zeitlich nahe der Jahrhundertmitte und der Londoner Weltausstellung. In Bleak House wird durch die aktiv konsumierende Figur Mrs Jellyby ein zum Mittelschichtsdiskurs alternativer Weiblichkeitsentwurf vorgeführt. Dieser Entwurf wird in der Handlungsstruktur des Romans erprobt und von der weiblichen Erzählstimme kommentiert. Dabei steht die Erzählerin selbst für einen Mrs Jellyby entgegengesetzten Weiblichkeitsentwurf. Dadurch, dass diese Weiblichkeitsentwürfe durch Konsumpraktiken und auf verschiedenen Strukturebenen des Romans verhandelt werden, bietet die Romandarstellung interessante Ansatzpunkte für die Analyse der fiktiven Ein- und Fortschreibungen unterschiedlicher Konzeptionen von Weiblichkeit.


4.7.: Prof. Dr. Stefan Horlacher (Institut für Anglistik und Amerikanistik, Technische Universität Dresden): „Männlichkeit(en) in der Krise? Aktuelle Perspektiven der Männlichkeitsforschung and beyond

Prof. Dr. Stefan Horlacher (Technische Universität Dresden):

„Männlichkeit(en) in der Krise? Aktuelle Perspektiven der Männlichkeits­forschung and beyond

 

Nicht nur, dass Herbert Grönemeyer bereits in den 1980er Jahren fragte: „Wann ist der Mann ein Mann?“, es ist zudem geradezu Mode geworden, von einer „Krise der Männlichkeit“ zu sprechen – als ob immer schon klar wäre, was „Männlichkeit“ überhaupt ist. Vielleicht sind es ja gerade die ver­meintlich krisenhaften Momente, die Männlichkeit erst konstituieren.

Aufbauend auf einer knappen Darlegung, die zeigen soll, wie der aktuelle Stand von Männlichkeitsforschung als akademischer Disziplin zu bewerten ist und welche Kor­rek­turen ggf. vorgenommen werden sollten, erfolgen eine kurze, durchaus lebens­weltlich fundierte Rechtfertigung, warum die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Männlichkeit notwendig erscheint sowie ein detaillierter Überblick über die wich­tig­sten Herangehens­weisen der Masculinity Studies. Genau wie das Konzept „Männlichkeit“ selbst werden diese kritisch hinterfragt, an die eigene Forschung rückgebunden und dann um Perspektiven der Trans­gender und Intersex Studies im Sinne einer Verabschiedung der bisher gebräuchlichen Geschlechter-Binaritäten er­wei­tert.


11.7.: Gender und Differenzkonzepte in der aktuellen kultur- und literaturwissenschaftlichen Forschung: Nachwuchsforum II – Impulsreferate und Diskussion: Carmen Dexl, M.A. (Amerikanistik), Dr. Victoria Gutsche (Neuere deutsche Literaturwissenschaft), Judith Holland, M.A. (Soziologie/Büro für Gender und Diversity)

Carmen Dexl, M.A. (Anglistik)

Körper in Bewegung und Inszenierungen von Identität im Modern Dance

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Deutschland und die USA zu prägenden Schauplätzen neuer Körper- und Bewegungskonzepte und trugen damit maßgeblich zur Popularisierung einer neuen Form des modernen Bühnentanzes bei. Diese wird heute—der amerikanischen Begriffsbezeichnung folgend—generell ‚Modern Dance‘ genannt, aber im deutschen Kontext auch als ‚Ausdruckstanz‘ im Besonderen kategorisiert, wobei die unterschiedlichen Bezeichnungen nicht über die wechselseitige Einflussnahme, die Wegbereiterinnen des neuen modernen Bühnentanzes über nationale Grenzen hinweg aufeinander ausübten, hinwegtäuschen soll.

Modernen Bühnentanz, wie er in Deutschland und den USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts proliferierte, verstehe ich als eine künstlerische Praxis und kulturelle Produktion, die die soziale Bedeutung von Körpern zu verhandeln sucht. Dabei werden nicht nur Differenzkategorien wie Gender und Sexualität, Race und Ethnizität oder soziale Klasse performativ hinterfragt und umgedeutet, sondern auch Konzeptionen nationaler Identität inszeniert und damit einhergehend Diskurse von Staatsbürgerschaft diskutiert. Da die Etablierung von Modern Dance in den USA bzw. Ausdruckstanz in Deutschland mit dem Zeitalter der Moderne korreliert, konzentriert sich meine Forschung auf den Zeitraum von 1900 bis 1950. Ich vertrete die Grundannahme, dass die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Veränderungen dieser Dekaden durch das Medium Tanz, das sich dezidiert nicht-sprachlicher Ausdrucksweisen bedient, auf einzigartige Weise interpretiert werden: Körper in Bewegung fungieren im Rahmen von modernem Bühnentanz nicht zuletzt aufgrund ihrer performativen Wirkmacht als bevorzugtes Ausdrucksmittel, um Vorstellungen von Identität, das heißt geschlechtlicher, ethnischer, sozioökonomischer, nationaler etc. Identität, in ihren intersektionalen Dimensionen zur Schau zu stellen und neu zu beleuchten.

In meinem Impulsvortrag möchte ich skizzieren, wie Vertreterinnen des Modern Dance bzw. Ausdruckstanzes, darunter Isadora Duncan (1877–1927) und Martha Graham (1894–1911), die Ausdruckskraft des tanzenden Körpers zu nutzen suchten, um eine Brücke zwischen Kunst und politischen, insbesondere feministischen Anliegen zu schlagen. Mein Hauptaugenmerk gilt dem Alvin Ailey American Dance Theater, einer der seit den 1960er Jahren weltweit erfolgreichsten Modern-Dance-Kompanien, die vor allem afro-amerikanischen Tänzerinnen und Tänzern zu Anerkennung verhalf. Anhand ausgewählter Produktionen möchte ich den von Alvin Ailey geprägten Modern-Dance-Stil vorstellen und die kulturelle Leistung von Tanz hinsichtlich der Möglichkeiten, mit Konstruktionen von Identität zu experimentieren, diskutieren.

 

Dr. Victoria Gutsche (Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)

Positionierung im Netzwerk.

Konstruktionen weiblicher Autorschaft in Editionen des 18. Jahrhunderts

Weibliche Autorschaft und weibliches Schreiben stellen spätestens seit den 1960er Jahren zwei zentrale Forschungsgebiete der feministischen bzw. genderorientierten Literaturwissenschaft dar, so dass inzwischen eine Fülle von Überblickdarstellungen und Einzelstudien vorliegt, die nicht nur der Frage nachgehen, wie Geschlechtlichkeit in literarischen Texten konstruiert wird, sondern auch die Produktions- und Rezeptionsbedingungen von Autorinnen des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts in den Blick nehmen. Bisher kaum näher systematisch untersucht wurde jedoch die editorische Tätigkeit von Frauen im 18. Jahrhundert, die im Vortrag am Beispiel von Dorothea Henriette von Runckel und ihrer Edition der Briefe L.A.V. Gottscheds beleuchtet wird. Aufgezeigt werden dabei zum einen die editorischen Prinzipien Runckels, die Gottsched nicht nur als vorbildliche Briefschreiberin erscheinen lassen, sondern auch als Autorin, die die „Geschlechtszensur“ (Becker-Cantarino 2000, 53) subversiv unterläuft. Zum anderen wird der Bedeutung und Funktion der Edition im Kontext weiblicher Netzwerkbildung nachgegangen.

 

Judith Holland M.A. (Soziologie)

Geschlechterwissen in Gewerkschaften: Ein deutsch-französischer Vergleich

Die vergleichende Analyse der gewerkschaftlichen Interessenvertretung von Frauen bildet sowohl in der Geschlechter- als auch in der Gewerkschaftssoziologie immer noch eine Leerstelle. Der Beitrag setzt an dieser Schnittstelle von Gender- und Industrial Relations-Forschung an, indem er fragt, was Gleichstellungspolitik in deutschen und französischen Gewerkschaften bedeutet. Das Wissen unterschiedlicher Gewerkschaftsrepräsentant*innen lässt sich diesbezüglich nicht hierarchisieren. Mit Angelika Wetterer und ihrem wissenssoziologischen Konzept des Geschlechterwissens wird vielmehr davon ausgegangen, dass sich Wissensformen qualitativ unterscheiden und idealtypisch voneinander abgrenzen lassen, je nachdem, auf welche Anerkennung sie aus sind und welche Praxis sie ermöglichen. Trotz historisch unterschiedlich gewachsener Strukturen und Kulturen der weiblichen Erwerbsarbeit sowie der Gewerkschaften in Deutschland und in Frankreich, folgen die Konstruktion geschlechtsspezifischer Interessen in Gesellschaft und Erwerbsarbeit und die Deutung der sozialen Lage von Frauen innerhalb des gewerkschaftlichen Kontexts nur ansatzweise einer länderspezifischen Logik. Wie weibliche Interessen definiert und wie sie in und durch Gewerkschaften vertreten werden (sollen), variiert vielmehr nach Gewerkschaftszugehörigkeit, innergewerkschaftlicher Position und anderen soziogenetischen Merkmalen. Als Ergebnis wird eine Typologie von Deutungsmustern vorgestellt, in denen sich Geschlechterwissen und Gewerkschaftsverständnis jeweils unterschiedlich verbinden. Die empirische Basis des Beitrags bildet die Analyse und Auswertung  gewerkschaftlicher Dokumente und Materialien sowie von Interviews, die im Rahmen eines qualitativ vergleichenden Promotionsprojekts mit Gewerkschaftssekretär*innen durchgeführt worden sind.


18.7.: Prof. Dr. Andrea Abele-Brehm (Psychologie, FAU Erlangen-Nürnberg): „Expliziter und impliziter Gender Bias – Auftreten und Konsequenzen“

Unter „bias“ versteht man in der Psychologie verzerrte Wahrnehmungsprozesse, die aufgrund einfacher „Faustregeln“ bei der Informationsverarbeitung zustande kommen. Biases wirken häufig automatisiert, d.h. sie sind uns nicht bewusst, man spricht dann von „impliziten“ biases. „Explizite“ biases dagegen sind verzerrte Wahrnehmungsprozesse, die durch Stereotype und Vorurteile zustande kommen und – zumindest prinzipiell – bewusst gemacht werden können.

Im Vortrag werde ich geschlechtsbezogene implizite und explizite biases anhand von Beispielen genauer darstellen und theoretisch einordnen. Ich werde zeigen, wie sich solche biases auf komplexere Urteilsprozesse, z.B. auf die Bewertung von Leistungen oder von Fähigkeiten auswirken. Abschließend werde ich dieses Thema in den breiteren Rahmen der (sozial-)psychologischen Genderforschung einordnen.


Vorlesungsreihe Von der Sprachstandsdiagnose zur sprachlichen Förderung

Organisation: Didaktik des Deutschen als Zweitsprache