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Ringvorlesungen

Distinktion, Ausgrenzung und Mobilität – Interdisziplinäre Perspektiven auf soziale Ungleichheit

Ringvorlesung Sommersemesterer 2019

Organisation: Interdisziplinäres Zentrum Gender – Differenz – Diversität (IZGDD) in Kooperation mit FAU INTEGRA
Kontakt: Dr. Sandra Dinter, sandra.dinter@fau.de

Unterstützt von der Dr. Alfred-Vinzl-Stiftung

Soziale Ungleichheit ist eine der brisantesten gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart. Das Ansteigen der Alters- und Kinderarmut, die wachsende Wohnungsnot in den Großstädten, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und die starke Selektion im Bildungssystem zeigen, dass die Teilhabe am Wohlstand keineswegs proportional verläuft, sondern sich die ‚soziale Schere‘ stetig weitet. Gleichzeitig fungiert soziale Ungleichheit aber auch als ein Distinktionsmechanismus in der individuellen und kollektiven Identitätsbildung, über den Fremd- und Selbstbilder und damit exklusive Gemeinschaften geschaffen werden. Das Anliegen der Ringvorlesung ist es, verschiedene Dimensionen sozialer Ungleichheit aus interdisziplinärer und intersektionaler Perspektive anhand von konkreten Fallbeispielen aus Gegenwart und Geschichte zu beleuchten. Wie theoretisieren, untersuchen und erklären unterschiedliche Disziplinen Formen, Ursachen und Repräsentationen sozialer Ungleichheit? Wie gestaltet sich der Zusammenhang von sozialer Ungleichheit mit Diversitätsaspekten wie Alter, Bildung, Ethnizität, Gender und Gesundheit? In einer abschließenden Podiumsdiskussion sprechen Vertreterinnen und Vertreter aus der Praxis unter der Schirmherrschaft von FAU INTEGRA über das Thema „Migration und soziale Diversität“.

 

Termin: jeweils montags, 18:00-19:30,

Kollegienhaus, Universitätsstraße 15, KH 1.019

 

Das Programm zum Download finden Sie unter diesem Link.

 

29.04.2019

Soziale Ungleichheit und Gesundheit: Eine medizin-soziologische Reise von der Vergangenheit bis zur Gegenwart

Prof. Dr. Christian Janßen

(Medizinische Soziologie, Hochschule für Angewandte Wissenschaften München)

Zurzeit sterben in Deutschland Menschen mit einem niedrigen Einkommen im Durchschnitt bis zu 11 Jahren früher als Menschen mit einem höheren Einkommen. Dementsprechend leiden sie im Durchschnitt ebenfalls häufiger an Erkrankungen, welche die Lebenserwartung in signifikanten und relevanten Ausmaß verkürzen. Dieser Befund, der als der „soziale Gradient bei Morbidität (Krankheitshäufigkeit) und Mortalität (Sterblichkeit)“ bereits seit den 70er Jahren in der Sozial-Epidemiologie diskutiert wird, ist sowohl unter wissenschaftlichen als auch sozial-politischen Aspekten von großem Interesse. Auch andere gesundheitsbezogene Ungleichheiten, z.B. nach Geschlecht, Migrationshintergrund, Familienstand, sozialem Status (häufig gemessen über Bildung, Beruf und Einkommen) oder die seit neuestem wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückten Unterschiede zwischen Stadt und Land werden unter dem Oberbegriff „Soziale Ungleichheit und Gesundheit“ diskutiert. Der Vortrag soll eine geschichtliche Reise von den Anfängen einer dokumentierten Ungleichheit z.B. im antiken Rom über ständische Gesellschaftsformen in Europa im Mittelalter, Klassengesellschaft in der Zeit der Industrialisierung bis hin zu neueren Begriffen wie Schichten, sozialen Statusgruppen, Lebensstilen, Milieus oder der Individualisierung sozialer Ungleichheit zu unternehmen. Zu guter Letzt sollen kurz neuere – eigentlich aber seit langem bestehende – soziale Ungleichheiten wie sexuelle Orientierung, Wohnungslosigkeit oder gesundheitliche Beeinträchtigungen unter gesundheitsbezogenen Aspekten dargestellt werden. Der Beitrag schließt mit einem Plädoyer für den Begriff „sozio-ökonomische Statusgruppe“.

06.05.2019

Ungleichheit aus (sozial-)psychologischer Perspektive: Die Bedeutung individuellen Denken, Fühlen und Handelns für Aufrechterhaltung und Auswirkungen sozialer Ungleichheit

Prof. Dr. Susanne Bruckmüller

(Sozialpsychologie, FAU)

Soziale Gruppen und Ungleichheit zwischen Gruppen sind traditionell ein Kernthema der Sozialpsychologie. Die Forschung konzentrierte sich jedoch lange Zeit vor allem auf Stereotype, Vorurteile und Diskriminierung basierend auf sozialen Kategorien wie race, Ethnizität und Geschlecht. Erst seit relativ kurzer Zeit rücken auch ökonomische Ungleichheit und damit verbundene psychologische Prozesse vermehrt in den Fokus sozialpsychologischer Forschung. Die Sozialpsychologie stellt dabei einerseits die Frage nach Auswirkungen von Armut, Reichtum und Ungleichheit auf Kognitionen, Emotionen und Verhalten von Einzelpersonen und versucht andererseits die Frage zu beantworten, wie das von Ungleichheit geprägte Erleben und Verhalten von Individuen wiederum zur Aufrechterhaltung von Ungleichheit beiträgt. In meinem Vortrag werde ich zunächst beispielhaft gängige Forschungsparadigmen und dazugehörige Ergebnisse vorstellen. Im zweiten Teil des Vortrags werde ich diskutieren, inwieweit der Fokus auf Individuen um interpersonelle Prozesse und Phänomene auf Gruppenebene ergänzt werden muss. Insbesondere werde ich auf die Bedeutung sozialer Repräsentationen und kommunikativer Prozesse eingehen und diese anhand eigener Forschung zum Framing ökonomischer Ungleichheit illustrieren.

13.05.2019

Soziale Ungleichheiten aus soziologischer Perspektive. Konzeptionelle Überlegungen und exemplarische empirische Befunde

Prof. Dr. Nicole Burzan

(Soziologie sozialer Ungleichheiten, Universität Dortmund)

Empirische Untersuchungen sozialer Ungleichheit beruhen auf konzeptionellen Voraussetzungen, die in einem ersten Schritt aus einer soziologischen Perspektive heraus angesprochen werden. So ist etwa zu klären, ob man von Klassen, Schichten, Milieus, intersektionalen oder individualisierten Ungleichheiten ausgeht, in welchem Verhältnis man vertikale und horizontale Ungleichheiten zueinander sieht und in welcher Relation eine ressourcenbasierte Klassen- oder Schichtzugehörigkeit zu einem handlungsleitenden Habitus oder der Lebensführung steht. Entsprechend kommt man zu unterschiedlichen Konzipierungen dazu, in welchem Verhältnis welche Gruppierungen zueinander stehen (und man z.B. von Ausgrenzungen sprechen kann) und wie sich soziale Ungleichheiten verändern oder stabil bleiben (was durch Begriffe wie Distinktion oder Mobilität angesprochen wird).

Im zweiten Teil werden diese Vorüberlegungen an zwei Beispielen aus der eigenen Forschung konkretisiert. Zum einen wird – in Anlehnung an das Distinktionskonzepts P. Bourdieus – gezeigt, wie sich durch den Wandel von Museen als traditioneller Stätte von ‚Hochkultur‘ zu einer diversifizierten (tendenziell ‚erlebnisorientierten‘) Landschaft mit einem umfassenden Öffnungsanspruch Distinktionsgelegenheiten wandeln und die empirische Frage nach der Erfassung von Distinktion schwieriger zu beantworten wird. Zum anderen wird anhand einer Studie zur intergenerationalen Statusreproduktion der Frage nachgegangen, wie Mittelschichtfamilien (auf der Basis von Mehrgenerationeninterviews) statusrelevante Mentalitäten und Handlungsstrategien an die nächste Generation auch unter Bedingungen sozialen Wandels weitergeben.

20.05.2019

Armut betrachten: Eine kulturwissenschaftliche Perspektive

Prof. Dr. Sieglinde Lemke

(Amerikanistik, Universität Freiburg)

Ein gravierender Effekt der sozio-ökonomischen Polarisierung neoliberaler Gesellschaften ist das Anwachsen der von Armut betroffenen Bevölkerung. Gleichwohl ist das Prekariat im öffentlichen Raum und den Medien nahezu unsichtbar. Der Vortrag untersucht anhand einer Reihe ausgewählter Bilder, wie prekäre Lebensbedingungen zur Anschauung kommen. Wie wird soziale Ausgrenzung repräsentiert? Ungleichheit wird somit nicht, wie in den Sozialwissenschaften zumeist der Fall, relational und räumlich analysiert, sondern Gegenstand einer intersektionalen Medienanalyse, dessen thematisches Repertoire von Darstellungen der Obdachlosigkeit, Kinderarmut, Zwangsräumungen bis zum alltäglichen Überlebenskampf in den Slums reicht.

Insbesondere die Dokumentarphotographie versucht es, beginnend mit Jacob August Riis im 19. Jahrhundert, prekäre Welten einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Um diese unschönen Realitäten im Medium des Spielfilms einzufangen, haben sich in den vergangenen Jahren auch eine Reihe von Filmemacher*innen diesem Brennpunktthema angenommen. Mit dem Fokus auf zwei populäre Filme des U.S. amerikanischen Gegenwartskinos, Slumdog Millionaire (2008) und Moonlight (2016), wird diskutiert, ob – und wie – diese Filme Klassismus entlarven oder ob sie eher klassistische Stereotype perpetuieren. Was unterscheiden voyeuristische Darstellungen von Repräsentationen, denen es gelingt, Betrachter*innen zu mobilisieren? Armut-betrachten ist notwendiger Bestandteil gesellschaftspolitischer Aufklärungsarbeit, birgt aber seine eigenen Gefahren.

27.05.2019
Intergenerationale Transmission von Benachteiligungen am Arbeitsmarkt: Hat ein Aufwachsen mit elterlicher Arbeitslosigkeit nachhaltige Konsequenzen beim Erwerbseintritt?       

Prof. Dr. Brigitte Schels

(Arbeitsmarktsoziologie, FAU)

In dem Vortrag werden Muster und Mechanismen der intergenerationalen Vererbung von Arbeitslosigkeit betrachtet. Dies ist eine zentrale Frage der Persistenz sozialer Ungleichheiten, die auch in der sozialpolitischen Debatte um die Förderung benachteiligter Familien relevant ist. Sind Kinder, die mit arbeitslosen Eltern aufwachsen, später selbst mit höherer Wahrscheinlichkeit arbeitslos? Die wenigen empirischen Studien hierzu fokussieren auf Arbeitslosigkeit des Vaters. Die Konsequenzen mütterlicher Arbeitslosigkeit sind dagegen kaum untersucht, obwohl Mütter mit der zunehmenden Erwerbspartizipation von Frauen wesentlich zum Sozialstatus der Familien beitragen – wenn auch der Vater meist immer noch der Haupternährer ist. So geht es in meiner laufenden Forschung um die Konsequenzen der Arbeitslosigkeit des Vaters und der Mutter. Mit Blick auf die Mechanismen wird in der Literatur argumentiert, dass Familien bei Arbeitslosigkeit Investitionen in Bildung und soziale Aktivitäten einschränken müssen, unter Stress und Konflikten leiden, sowie ihnen Netzwerke zum Arbeitsmarkt und Informationen verloren gehen. Zudem wird angenommen, dass Kindern von arbeitslosen Eltern keine Erwerbsvorbilder haben, um Aspirationen zu entwickeln. Mit Blick auf die Fragestellung der Studie wird erwartet, dass elterliche Arbeitslosigkeit über unterschiedliche dieser Kanäle wirkt, abhängig davon, ob der Familienernährer oder die Mutter als Hauptsorgeperson arbeitslos ist. Im Vortrag werden erste Befunde zu den Fragestellungen und Annahmen auf Basis von Auswertungen aus dem Sozioökonomischen Panel (SOEP) inklusive Jugendfragebogen präsentiert und diskutiert.

03.06.2019

Alter(n) als Abweichung? Die gesellschaftliche Norm der Alterslosigkeit und die Aktivierung des Alters

Prof. Dr. Silke van Dyk

(Politische Soziologie, Universität Jena)

Gegenstand des Vortrags ist die bis heute unangefochtene Norm eines vermeintlich alterslosen Erwachsenenlebens. Trotz der zunehmenden politischen Sensibilität für Diskriminierungen nach Lebensalter und trotz der verbreiteten Betonung von Altersvielfalt ist ‚das Alter‘ weiterhin das ‚Andere‘, das ‚Abweichende‘ und Besondere, das an den Maßstäben der gemeinhin nicht alterskodierten mittleren Lebensjahre gemessen wird. Ganz anders als die aus sozialen Bewegungen erwachsenen Gender Studies und Postcolonial Studies, die sich in den vergangenen drei Jahrzehnten der Problematisierung vermeintlicher Universalismen verschrieben haben, bringt die Altersforschung diesen blinden Fleck kaum zur Sprache. Während Feministinnen aufgezeigt haben, welche Folgen es hat, wenn Mensch als Mann gedacht und Frauen als ‚die Anderen‘ adressiert werden, trägt der normgebende Maßstab des mittleren Lebens noch nicht einmal einen eigenen Namen. Erst wenn wir diese alterslose Norm problematisieren, wird erkennbar, dass die gut belegte Persistenz negativer Altersstereotype nicht auf einen Mangel an Aufklärung über die Potenziale des Alters zurückgeht, sondern dass sie sehr viel grundsätzlicher durch die Bestimmung des Alters als Abweichung erzeugt wird. Selbst die Aktivierung des (gesunden) Alters, die diese zunehmend als leistungsfähige Gleiche anruft, weist diesen – so die These des Vortrags – eine gesellschaftliche Sonderrolle zu.

24.06.2019

Re-Figuration lokaler Schulsysteme – Zur (Re-)Produktion räumlicher Bildungsungleichheiten

Sebastian Meißner

(Schulpädagogik, Universität Jena)

Räumliche Analysen lokaler Schulsysteme erhalten in der empirischen Bildungsforschung derzeit eine erhöhte Aufmerksamkeit (Kessl, 2016). Bereits zu Beginn der 1960er Jahre wurde in der Forschung zu Bildungsungleichheit auf ausgeprägte „Stadt-Land-Gefälle“ (Peisert, 1967) aufmerksam gemacht. Allerdings greift diese Differenzierungslinie zu kurz, insofern aktuelle Studien zu regionalen Disparitäten im Schulsystem auf die vielfältigen „räumlichen Differenzlinien der Bildungsungleichheit“ (Stošić 2012, S. 12) verweisen. Diese verlaufen nicht nur zwischen Bundesländern und Regionen, sondern auch auf der Ebene von Kommunen sowie innerhalb von Städten und einzelnen Stadtteilen.

Die Bezugnahme auf den Raumbegriff erweist sich jedoch als problematisch, insofern Raum in der gegenwärtigen Forschung zu regionalen Disparitäten verkürzend als einheitlicher Kontextfaktor konzipiert, der mit ordnungspolitischen Grenzen zusammenfällt (Berkemeyer et al., 2016; Stošić, 2012). In dieser Perspektive erscheint Raum als ein ontologisches Konstrukt, welches einer Containerraumvorstellung folgt. Diese naturalisierende Sicht auf die Kategorie Raum verkennt jedoch die soziale Dimension von Raum. Aus einer relationalen Perspektive heraus sind Räume handelnd hergestellte und veränderbare soziokulturelle Gebilde, die sowohl Ergebnis als auch Bedingung sozialer Praxis sind (Löw, 2015; Schroer, 2012).

Diese Diskussion aufnehmend, geht der Vortrag der räumlichen Konstitution lokaler Schulsysteme und deren Beitrag für die (Re-)Produktion von Bildungsungleichheiten nach. Hierzu wird in einem ersten Schritt die aktuelle Forschung zu regionalen Disparitäten in den Blick genommen, die sowohl auf ihre empirischen Ergebnisse als auch auf deren Raumverständnis hin befragt werden. In kritischer Reflexion der bisherigen Forschung entwirft der Beitrag auf Grundlage raumsoziologischer und sozialgeographischer Einsichten erste Konturen einer raumtheoretisch orientierten lokalen Schulsystemforschung, die um erste empirische Explorationen angereichert wird.

Lokale Schulsysteme erscheinen in einer solchen Perspektive als Orte gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse, die geprägt sind von Macht- und Verteilungskämpfen (Stošić, 2012). Die Resultate dieser Auseinandersetzungen spiegeln sich in den historischen und lokalspezifischen räumlichen (An-)Ordnungsverhältnissen wider, die als Produkte des komplexen Zusammenwirkens verschiedener gesellschaftlicher, administrativer und kommunaler Akteure verstehbar werden (Hermstein & Berkemeyer, 2018). Ungleiche Teilhabechancen an Bildung erscheinen vor diesem Hintergrund als Effekte der je spezifischen sozialräumlichen Ordnungsgefüge lokaler Schulsysteme.

01.07.2019

Die feinen Unterschiede der Mobilität. Soziale Ungleichheit und räumliche Mobilität in der Moderne (entfällt wg. Krankheit)

Prof. Dr. Simone Derix

(Geschichte, FAU)

Ob Migrant*innen, Arbeitspendler*innen oder Tourist*innen – wenn Menschen reisen und ihren Wohnsitz verlagern, waren und sind sie nicht zu gleichen Konditionen mobil. Reise- und Migrationsentscheidungen werden unter unterschiedlichen Voraussetzungen getroffen. Auf Schiffen, in Zügen und in Flugzeugen sind die gesellschaftliche Ordnung und die ungleiche Verteilung materieller Güter stets mit an Bord. Ökonomische Ressourcen und Rahmungen prägen den Verlauf einer Reise und die Gestaltungsmöglichkeiten des Lebens an einem neuen Ort. Sie entscheiden mit darüber, wer wann unter welchen Bedingungen mobil werden kann bzw. muss. Der Vortrag rückt diese ökonomischen Dimensionen von Mobilität in den Fokus: Er diskutiert das Gewicht materieller Ressourcen für Migration und Mobilität sowie den Zusammenhang von sozialer und räumlicher Mobilität im 19. und 20. Jahrhundert.

08.07.2019

Sentimentales, Heroisches und Männliches in filmischen Repräsentationen der britischen Arbeiterklassen, 1960-2000

Prof. Dr. Doris Feldmann / Dr. Christian Krug

(Anglistik, FAU)

Im Unterschied zu anderen europäischen Gesellschaften zeichnet sich Großbritannien noch immer durch ein deutlich ausgeprägtes Klassenbewusstsein aus, auch wenn ‚Klasse‘ als vermeintlich überkommene Kategorie im postindustriellen, vermeintlich meritokratischen Großbritannien gleichzeitig zurückgewiesen wird. Gerade in Momenten des gesellschaftlichen Umbruchs haben sich an der Kategorie ‚Klasse‘ immer wieder Debatten über institutionalisierte bzw. systemische Formen sozialer Ungleichheit entzündet. Dies gilt für die Ablösung von einer konsensorientierten Wohlstandskultur der 1950er Jahre bis hin zu den Umbrüchen des Thatcherismus und New Labours ‚Cool Britannia‘. Immer bleibt ‚Klasse‘ eine umkämpfte Kategorie heterogener soziokultureller Selbstverständnisse. Anhand einer Analyse ausgewählter britischer Filme soll gezeigt werden, wie in diesen Momenten gesellschaftlichen Umbruchs soziale Ungleichheit repräsentiert wird und welche unterschiedlichen Formen – von sozialem Realismus bis nostalgischer Romanze – die Filme dabei entwerfen. Der Fokus wird auf den spezifischen Klassenmythen und den diskursiven Verschiebungen des Konzepts der (Arbeiter-)Klasse liegen sowie auf sentimentalen wie heroischen Lebensmodellen und Gender-Subjektpositionen, welche die Filme anbieten.

15.07.2019

Mit sozialen Menschenrechten gegen Wohnungsnot? Globale und nationale Dimensionen

PD Dr. Michael Krennerich

(Politische Wissenschaft, FAU)

Das Menschenrecht auf Wohnen ist eines von vielen sozialen Menschenrechten, die fester Bestandteil völkerrechtlich verbindlicher Menschenrechtsabkommen sind, die Deutschland ratifiziert hat. Dennoch kommt es auch heute noch zu Irritationen, wenn man über ein „Menschenrecht auf Wohnen“ spricht, zumal, wenn man es auf Deutschland bezieht. Müssen wir jetzt auch noch die Wohnungsproblematik und die Wohnungspolitik hierzulande unter dem großen Begriff der Menschenrechte diskutieren? Geht es nicht auch eine Nummer kleiner? Gewiss: Angesichts des unfassbaren Wohnelends weltweit (auf die der Vortrag auch eingeht), mögen die Wohnprobleme in Deutschland nachrangig anmuten. Doch auch in einem ausgebauten Wohlfahrtsstaat lassen sich anhand der Menschenrechte in dem – für die Menschenwürde so wichtigen – Bereich des Wohnens bestehende Schutzlücken, Probleme, Handlungserfordernisse und Verbesserungsmöglichkeiten hervorheben. Als menschenrechtlicher Maßstab dient der offene, diskriminierungsfreie und bezahlbare Zugang zu angemessenem Wohnraum, dessen Verfügbarkeit und Nutzung zu gewährleisten und zu schützen ist. Menschenrechtlich problematisch ist beispielsweise, wenn für eine wachsende Zahl an Menschen in Ballungsgebieten Wohnen kaum mehr bezahlbar ist, ohne dass andere Grundbedürfnisse darunter leiten. Der Rekurs auf das Menschenrecht auf Wohnen und damit verbundene Staatenpflichten verleiht gesellschaftspolitischen Forderungen, bestehende Wohnprobleme anzugehen, zusätzlich Schubkraft und Legitimität.

22.07.2019

Podiumsdiskussion von FAU INTEGRA zu dem Thema „Migration und soziale Diversität“

mit Dr. Elisabeth Preuß, Prof. Dr. Ludger Pries, Martina Alwon und Nour Jazar. Moderation: Prof. Dr. Christine Lubkoll

Prof. Dr. Christine Lubkoll (Sprecherin des Studienganges Ethik der Textkulturen und Mit-Initiatorin von FAU Integra) führt durch eine Diskussionsrunde zum Thema „Migration und soziale Diversität“.

Zu Gast sind Dr. Elisabeth Preuß, Bürgermeisterin der Stadt Erlangen und Referentin für Soziales, Integration, Inklusion und Demografischen Wandel und Prof. Dr. Ludger Pries, Lehrstuhlinhaber der Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum. Außerdem wird Martina Alwon mitdiskutieren, die seit nunmehr vier Jahren ehrenamtlich beim Eckentaler Flüchtlingsbündnis FLECK tätig ist. Nour Jazar aus Syrien, der 2015 nach Deutschland geflüchtet ist und inzwischen an der Universität Bamberg studiert, wird die Perspektive der Geflüchteten vertreten.

Bitte beachten Sie, dass diese Veranstalttung im Senatssaal des Kollegienhauses (KH 1.011) stattfindet.

 


Von der Sprachstandsdiagnose zur sprachlichen Förderung

Ringvorlesung Wintersemester 2018/19 – Department für Fachdidaktiken

Organisation:

Department für Fachdidaktiken
Professur für Didaktik des Deutschen als Zweitsprache
Prof. Dr. Magdalena Michalak

Zeit und Ort: 18.00-19.30 Uhr; St. Paul 01.005

Programm

23.10.2018

Vielfalt in Erlangen – Was kann eine Stadt für Integration und Chancengleichheit leisten?

Silvia Klein (Stadt Erlangen)

Seit jeher sind kulturelle und sprachliche Vielfalt ein Gewinn für die Stadtgesellschaften. Die erfolgreiche Integration von Zugewanderten ist deshalb im Interesse der Kommunen, stellt sie aber auch vor Herausforderungen. Um diesen Aufgaben gerecht zu werden, hat Erlangen bereits 2006 ein Leitbild Integration verabschiedet und im Jahr 2016 das Büro für Chancengleichheit und Vielfalt eingerichtet.

06.11.2018

Heterogenität im Entwicklungsstand referenzieller Kohärenz und didaktische Implikationen

Prof. Dr. Doreen Bryant, Universität Tübingen

Unter dem textlinguistischen Begriff der referenziellen Kohärenz versteht man die Einführung und Wiederaufnahme von Diskursreferenten, wobei verschiedene Kohäsionsmittel genutzt werden können.
Dadurch, dass sich in Lehrwerken kaum Hinweise auf eine systematische Unterstützung im Auf- und Ausbau referenzieller Kohärenz finden lassen (AVERINTSEVA-KLISCH / BRYANT / PESCHEL 2018), entsteht leicht der Eindruck, es handele sich hier um einen Phänomenbereich, der ungesteuert zu erwerben ist und somit im Unterricht vorausgesetzt werden kann. Tatsächlich weisen auch einige Schülerinnen und Schüler am Übergang zur Sekundarstufe beachtliche referenzielle Fähigkeiten auf, andere hingegen sind selbst mit basalen Schreibkonventionen kaum vertraut. Unterschiedlich intensive Erfahrungen mit konzeptioneller Schriftlichkeit treiben den Erwerbsprozess mehr oder weniger stark voran, sodass in diesem textlinguistischen Bereich die Heterogenität besonders stark ausgeprägt ist. Der Deutschunterricht könnte und sollte hier ausgleichend wirken. Im Vortrag werden nach Präsentation experimentell erhobener Erwerbsdaten einige didaktische Vorschläge unterbreitet, die auch Schülerinnen und Schüler mit weniger Literalitätserfahrungen und/oder einer anderen Muttersprache als Deutsch erreichen können.

20.11.2018

Lernen in Deutsch in der dualen Ausbildung. Vocational CLILiG

Rosemarie Buhlmann, Goethe Institut

Der Beitrag umreißt kurz, was heutzutage unter vocational CLILiG verstanden wird. Dabei werden Ziele und verschiedene Formen von vocational CLILiG angesprochen. Aus der generellen Zielsetzung von vocational CLILiG lassen sich Lernziele im inhaltlichen, sprachlichen (fertigkeitsmäßigen), strategischen und interkulturellen Bereich und in Bezug auf Schlüsselqualifikationen für definierte Lernergruppen ableiten. Diese Lernziele und die zu ihrer Erreichung erforderlichen Lerninhalte bestimmen, auf welcher Niveaustufe des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens die vocational CLILiG-Lernziele bei Verwendung authentischer Unterrichtsmaterialien erstmals im Unterricht umgesetzt werden können. Dafür werden Beispiele aus dem berufsfeldbezogenen Deutschunterricht (Fachrichtungen Metall, Elektro, Wirtschaft) herangezogen.
Der vocational CLILiG-Unterricht basiert auf den Prinzipien der Sachfachdidaktik der involvierten Fachbereiche und der DaF-/DaZ-Didaktik und –Methodik; der Erwerb von Inhalten des Sachfachs und von fachspezifischen Deutschkenntnissen ist gleich wichtig. Es muss also sichergestellt werden, dass in Deutsch vermittelt werden
  • die erforderlichen Denkelemente, also die jeweilige Fachlexik,
  • die erforderlichen Kommunikationsverfahren, ohne die im Sachfach nicht adäquat kommuniziert werden kann,
  • die erforderliche Lesekompetenz und damit die entsprechenden Lesestrategien, da Sachfacharbeit in hohem Maß auf die Arbeit mit Texten bzw. Dokumenten ausgerichtet ist,
  • die erforderliche Produktionskompetenz und damit die entsprechenden Produktionsstrategien,
  • Mittel technischer Kommunikation, d.h. dass z.B. Diagramme, Abbildungen, Grafiken etc. in die Kommunikation einbezogen werden können.

Sprachliche Förderung muss also immer angebunden an die Aufgabenstellung des jeweiligen Sachfachs erfolgen. Hierzu gibt es heutzutage adäquate Übungstypologien, die in Ausschnitten vorgestellt werden.

04.12.2018

Mediale Räume als Ressourcen für die Untersuchung interkultureller Kommunikationssituationen

PD. Dr. Naima Tahiri, Universität Fès

Die Neuen Medien haben dazu geführt, dass Menschen nicht mehr ausschließlich in der realen Welt kommunizieren. Mediale Räume sind heute als ebenso reale, soziale Lebenswelten zu betrachten, auch wenn die Rahmenbedingungen für die Kommunikation nicht denen der face-toface-Kommunikation entsprechen. Sie ermöglichen eine noch nie dagewesene Form der Vernetzung von Menschen nicht nur mit demselben kulturellen und sprachlichen Hintergrund, sondern auch mit Menschen mit unterschiedlichen Sprachen und Kulturen. Es ist daher nur konsequent diese medialen Räume auch als Datenquellen für die Untersuchung von interkulturellen Kommunikationssituationen zu nutzen. Anhand von konkreten Beispielen soll im Vortrag gezeigt werden, wie sich die Untersuchung interkultureller Praktiken in den Neuen Medien (wie z. B. Facebook und YouTube) methodisch bewerkstelligen lässt.

18.12.2018

Vom Gesundheitsrisiko zum Gehirntraining: Perspektiven auf Bilingualismus im Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen

Prof. Dr. Silke Jansen, FAU

Während Bilingualismus noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts als ein Risiko für die psychische Entwicklung von Kindern galt, stehen aktuell mögliche positive Auswirkungen auf die Kognition, soziale Kompetenz und Gesundheit im Fokus der Wissenschaft. Der Vortrag geht der Frage nach, wie sich die Sichtweise auf Mehrsprachigkeit innerhalb eines Jahrhunderts so radikal ändern konnte, und nimmt dabei vor allem gesellschaftliche Strömungen und Wertehaltungen in den Blick.

15.01.2019

Innere Mehrsprachigkeit im DaZ-Unterricht

Prof. Dr. Alfred Wildfeuer, Universität Augsburg

Intention des Vortrags ist es, den Umgang mit oder die Negierung von sprachlicher Variation im DaZ-Unterricht zu thematisieren. Zunächst werden auf der Basis aktueller Forschungsliteratur grundlegende Termini definiert. Ein deutlicher Fokus wird dabei mithilfe des Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA) auf die tatsächliche Sprachrealität gelegt. Abschließend werden Optionen für den jeweiligen Umgang mit und Einsatz von Varietäten und Varianten im Schul- und Hochschulunterricht vorgestellt. Dabei wird auch auf Variation in der deutschen Standardsprache eingegangen.

22.01.2019

Grundschulkinder erzählen und schreiben zu Wimmelbüchern

Prof. Dr. Petra Wieler, Freie Universität Berlin

Die stets zunehmende Anzahl mehrsprachiger Kinder in Grundschulklassen unterstreicht die Notwendigkeit innovativer didaktischer Konzepte zur Sprachförderung und Heranführung aller Kinder an Schriftkultur und konzeptionelle Schriftlichkeit. Vor diesem Hintergrund scheint sich die Auswahl textfreier Bilderbuchgeschichten als Unterrichtsangebot nicht unbedingt aufzudrängen. Dennoch geht aus langjährigen Beobachtungen in einer jahrgangsübergreifenden Lerngruppe der Klassen 1 bis 3 hervor, dass die Schüler*innen die subtile narrative Komposition einer Bilderbuchgeschichte nicht nur wahrnehmen, sondern auch ihre Wertschätzung dafür zum Ausdruck bringen möchten.
In diesem Beitrag soll gezeigt werden, wie auch die Rezeption von Wimmelbüchern Fähigkeiten zur Textgestaltung ‚in der Zone der nächsten Entwicklung‘ von Grundschulkindern evozieren kann. Dabei gilt die Aufmerksamkeit insbesondere dem Literacy-Erwerb und den Erzählfähigkeiten der Kinder sowie ihrer Fähigkeit zur sprachlichen Dekontextualisierung. Wie Kinder in diesem Rahmen dazu angeregt werden, (auch) ihre eigenen Geschichten zu erzählen, illustriert dieser Beitrag anhand von Unterrichtsgesprächen und Schülertexten zu den Wimmelbüchern von Rotraut Susanne Berner.

Das Programm zum Download finden Sie hier.

 


Zuordnungen in Bewegung: Geschlecht und sexuelle Orientierung quer durch die Disziplinen

Ringvorlesung Sommersemester 2018

Organisation: Interdisziplinäres Zentrum Gender – Differenz – Diversität (IZGDD)
Kontakt: Prof. Dr. Annette Keilhauer, annette.keilhauer@fau.de
Unterstützt von der Dr. Alfred-Vinzl-Stiftung

 

Ausgehend von Begrifflichkeiten und Konzepten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes, das Diskriminierungen wegen des Geschlechts und der sexuellen Identität verhindern will, stellt sich die grundlegende Frage nach der inhaltlichen Konkretisierung, Abgrenzung und möglichen Verbindung dieser (Zu-)Ordnungskonzepte. Die changierende Relevanz, Ausfächerung und Problematisierung von Gender, Körper und Sexualität stellt sich in aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen mit neuer Brisanz. Im Rahmen der Ringvorlesung wird das Verständnis von und die Beziehung zwischen Geschlecht und sexueller Orientierung in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen anhand von paradigmatischen Fallbeispielen beleuchtet, die Fragen nach Überschreitung und Verwischung von sowie nach Überlagerungen und Fortschreibungen von Differenzen aufwerfen. Dabei wird auch die mit gesellschaftlichkulturellen Dynamiken einhergehende Veränderung von Prämissen und Verfahren, etwa durch noch weitere Ausdifferenzierungen oder durch eine Revision von Zuschreibungen, kritisch in den Blick genommen.

Termin: jeweils montags, 18:00-19:30,
Kollegienhaus, Universitätsstraße 15, KH 1.020

Das Programm zum Download finden Sie hier.

Programm

16.04.2018
Geschlecht – Sex – Gender – Spektrum – sexuelle Identität – sexuelle Orientierung: Konzeptuelle Modellierungen aus rechts- und kulturwissenschaftlicher Sicht
Prof. Dr. Jochen Hoffmann / Prof. Dr. Doris Feldmann (Rechtswissenschaft / Anglistik, FAU)

Die Disziplinen bilden ihre Untersuchungsgegenstände jeweils unterschiedlich über differente Konzepte. Kultur- und Rechtswissenschaft unterscheiden sich bereits in Bezug auf basale Begrifflichkeiten:  Während das Allgemeine Gleichstellungsgesetz Diskriminierungen wegen des ‚Geschlechts‘ und der ‚sexuellen Identität‘ verbietet, knüpft die Kulturwissenschaft an Vorstellungen von ‚Sex‘, ‚Gender‘ und ‚sexueller Orientierung‘ bzw. Begehren an. In einem fakultätsüberschreitenden, interdisziplinären Dialog sollen hier grundlegende Differenzierungskategorien vorgestellt und auf ihre jeweiligen Implikationen hin erörtert werden.

23.04.2018
Geschlecht und sexuelle Orientierung aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive: Transitionen und transformatorische Bildungsprozesse
Prof. Dr. Anatoli Rakhkochkine (Pädagogik, FAU)

Im Vortrag wird die erziehungswissenschaftliche Perspektive auf die Kategorien „Geschlecht“ und „sexuelle Orientierung“ vorgestellt. Diese Kategorien werden in unterschiedlicher Intensität und – in historischer Perspektive – unterschiedlich lange thematisiert. Ausgehend von der Differenzdebatte und aktuellen Konzepten von Diversity und Diversity Education in der Erziehungswissenschaft werden im Vortrag unterschiedliche Zugänge zur Definition, Konstruktion und Dekonstruktion dieser Kategorien und ihre Wirkung in pädagogisch relevanten Zusammenhängen diskutiert. Anschließend wird mit Bezug auf die Theorie von Bildung als Transformation diskutiert, inwieweit Transitionen zwischen den Ausprägungen der jeweiligen Kategorie (Geschlechtsumwandlung, Coming Out) als  transformatorische Bildungsprozesse im Kontext der Diversität analysiert werden können.

07.05.2018
Binäre Schöpfungsordnung oder versöhnte Vielfalt? Theologische Perspektiven auf geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung
Prof. Dr. Peter Bubmann (Theologie, FAU)

Warum artikulieren viele normativen Dokumente der großen Religionsgemeinschaften überhaupt ein Interesse an der Sexualität ihrer Mitglieder? Warum sollte sich Gott um die sexuelle Orientierung und Identität überhaupt „scheren“? Am Beispiel der jüdischen wie christlichen Dokumente aus Bibel und Tradition ist zu zeigen, wie normative Prinzipien wie Generativität und Komplementarität der Geschlechter theologische Grundüberzeugungen überlagern, teils stützen, teils aber auch in Spannung treten zu wesentlichen Glaubensaussagen. Insbesondere eine zu unmittelbare Koppelung des Gottesverständnisses mit Formen einer zumeist ungeschichtlich verengten Schöpfungsordnungstheologie müssen aus heutiger theologischer Sicht kritisch hinterfragt werden.

14.05.2018
Kulturanthropologische Perspektiven auf Geschlecht, Sexualität und Recht
Prof. Dr. Beate Binder (Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin)

28.05.2018
Wissen – Milieu – Geschlecht: Eine empirische Untersuchung über den Geschlechterdiskurs in weiblichen Gemeinschaften
Prof. Dr. Renate Liebold (Soziologie, FAU)

Wie funktionieren weibliche Gemeinschaften? Welche Bedeutung haben Geschlecht, Geschlechtszughörigkeit und sexuelle Orientierung für das kollektive ‚Wir’ und wie nehmen die Frauen in den unterschiedlichen Gruppen darauf Bezug? Diese und andere Fragen sind der Rahmen des Vortrags, der sich in einer wissenssoziologischen Perspektive mit der Geschlechterdifferenz und einer differenten Vergesellschaftung von Frauen und Männern im Milieuvergleich auseinandersetzt. Gerade dann, wenn Frauen in Selbsthilfegruppen, Vereinen, Netzwerken oder auch exklusiven Clubs ‚unter sich’ sind, spielt das Geschlechterverhältnis eine zentrale identitätsstiftende Rolle. Die verschiedenen Gruppen lassen sich dabei als Orte der Aneignung und Konstruktion kultureller Ordnungen interpretieren. Es kann empirisch gezeigt werden, wie das geschlechtsexklusive Setting der Gruppen die Geschlechterunterscheidung als permanent stattfindende soziale Praxis (re-)produziert. Zugleich wird ebenso deutlich, dass das Geschlechter-Wissen an den ‚sozialen Raum’ rückgekoppelt ist und wesentlich durch das Herkunftsmilieu der Frauen mitbestimmt wird.

Der soziologische Blick auf das empirische Phänomen der weiblichen Gemeinschaft kann zeigen, wie das Deutungsmuster Geschlecht und die Differenzierungspraxis auch in der modernen Gegenwartsgesellschaft über geschlechtsexklusive Räume kulturell festgeschrieben wird.

04.06.2018
Monsieur Vénus und Dr. James Barry: Literarische Inzenierungen von Transgender und Passing
Dr. Susanne Gruß / Prof. Dr. Annette Keilhauer (Anglistik / Romanistik, FAU)

Literarische Texte, die den Umgang mit geschlechtlichen Ambivalenzen inszenieren, sind nicht nur Zeugnisse kulturhistorischer Differenz. Sie entwerfen gleichzeitig auch Wirklichkeiten, die die realen gesellschaftlichen Gegebenheiten der Zeit ihrer Entstehung überschreiten oder außer Kraft setzen und über die literarische Aneignung der Vergangenheit einen kritischen Blick auf die historische Konstruiertheit von Geschlecht werfen. Dadurch gestalten literarische Texte performativ Geschlechterkonstellationen, die einen aktiven Beitrag zu gesellschaftlichen Diskussionen und Veränderungen liefern können.

Der Vortrag greift zwei literarische Texte aus der französischen und britischen Literaturgeschichte auf, die beide auf ihre Weise einen solchen Beitrag leisten.

Der Roman Monsieur Vénus war das Erstlingswerk von Rachilde alias Marguerite Eymery (1860-1953), einer Autorin und Journalistin, die der männlich dominierten und oft misogynen französischen Décadence zugeordnet wird. Sie inszeniert einen geschlechtlichen Rollentausch, der sich im Text schrittweise und subtil sprachlich konstruiert und sowohl innerhalb der Romanwirklichkeit als auch in der französischen Gesellschaft der dritten Republik weitgehend auf Unverständnis stieß. Der Text wurde schnell als Skandalroman verurteilt, was der um öffentliche Aufmerksamkeit ringenden Autorin gerade recht war, aber seine besondere literarhistorische Rolle lange verdeckt hat. Erst seit Ende des 20. Jahrhunderts hat die Neulektüre des Textes zu einer Aufwertung seines innovativen Potentials geführt, denn er inszeniert erstmals in dieser Deutlichkeit die sprachlich-performative Natur nicht nur von geschlechtlicher Identität, sondern auch von erotischer Rollenidentifizierung.

Im zweiten Fallbeispiel, Patricia Dunckers Roman James Miranda Barry (1999), gilt das Augenmerk dem 19. Jahrhundert und seiner Aneignung im neoviktorianischen Roman der Gegenwart. Dr. James Barry (1795-1865) war als Militärarzt eine prominente Figur im Britischen Empire, ein medizinischer Pionier, der unter anderem einen der ersten erfolgreichen Kaiserschnitte durchführte. Barry war auch, wie erst nach seinem Tod bekannt wurde, eine biologische Frau (und Mutter eines Kinders). Seit der sensationellen (und in Teilen sensationslüsternen) Enthüllung seines (ihres?) Geschlechts gilt Barry als häufig zitiertes Paradebeispiel für männliches Passing und – zumindest möglicherweise – für Transgender. Dunckers Roman verweigert sich diesen Zuschreibungen und inszeniert Barrys Geschlecht im Zeichen der Konstruiertheit von Geschlecht und Gender.

11.06.2018
“Hermaphrodite, Intersex, and Disorders of Sex Development.” The Meaning of the Contested Uses of “Umbrella Terms” for People with Diverse Sex Characteristics”
Prof. Dr. Peter Hegarty (Social Psychology, University of Surrey)

In recent years, the vulnerability of people with diverse sex characteristics in standard medical treatment contexts has become a matter of global human rights concern.  Such physical traits arise in human development spontaneously for multiple reasons, and several disciplines have developed “umbrella” terms to describe and categorize people who have such traits. In this talk, I first historize the strong contrasting preferences for the umbrella terms “intersex” in psychosocial, legal, and humanities fields, and “disorders of sex development” (or DSD) in biomedicine and clinical medicine for such folk.  Second, I will review the emerging empirical literature on the preferences for terms among people with diverse sex characteristics and their family members.  Third, I present an empirical analysis of the semantic structure of three umbrella terms “hermaphrodite,” “intersex”, and “DSD” drawing on members of the lay public in the UK and USA.  Fourth, I contrast the claims of experts about what these terms do, with findings from interviews with young people with diverse sex traits and their parents and careers in the UK and Scandanavia about what terms do in their day-to-day lives.  The ordinary but complex social identity demands in people’s lives helps to explain my support for contemporary intersex advocates’ calls for a politics of sex characteristics rather than intersex identities alone.

18.06.2018
Zensiert, inszeniert, zelebriert? LGBTQ in filmhistorischer Perspektive
Dr. Katrin Horn (Amerikanistik, Universität Bayreuth)

Die Zahl der preisgekrönten und/oder kommerziell erfolgreichen Filme mit LGBTQ-Charakteren und Storylines scheint in den letzten Jahren rasant anzusteigen, von den Cannes-Sensationen Blue is the Warmest Color (FR, 2013) und The Handmaiden (KOR, 2015) zu Oscar-Anwärtern wir Carol (USA, 2015), Moonlight (USA, 2016) und Call Me by Your Name (USA, 2018). Zur Erweiterung des filmischen Spektrums um queere Charaktere jenseits der weißen Mittelklasse haben neben Moonlight auch kleinere Filme wie Pariah (USA, 2011) und Tangerine (USA, 2015) beigetragen. Ist also der endgültige Bruch mit einer hundertjährigen Tradition von filmischer Zensur schwul-lesbischer Themen im Film erreicht? Und was bedeutet eigentlich Zensur? Wurde immer zensiert? Und immer das Gleiche?

Diese und andere Fragen rund um die (historische) Darstellung queerer Charaktere und Geschichten bilden den Rahmen dieses Vortrags. Über den geschichtlichen Überblick über filmische Darstellungskonventionen hinaus soll der Vortrag auch einen Eindruck darüber vermitteln, wie sexuelle und geschlechtliche Vielfalt die Disziplin Filmwissenschaft geprägt hat. So werden unterschiedliche wissenschaftliche Zugänge vorgestellt, die ebenso wie die Filme selbst, in ihrem historischen Wandel die ständige Veränderung von Termini und Einstellungen widerspiegeln: von frühen Archivarbeiten zur Steigerung der Sichtbarkeit, zur Theoriebildung rund um schwule und lesbische auteurs aus Hollywood goldener Ära (z.B. Dorothy Arzner und George Cukor), bis hin zu psychoanalytischen und dekonstruktivistischen Zugängen. Dabei werden zentrale Begriffe wie Subtext und Camp ebenso erläutert und diskutiert wie zentrale Figuren der Filmwissenschaft wie B. Ruby Rich und Richard Dyer.

Mit einem Fokus auf amerikanisches Kino argumentiert der Vortrag so für eine differenzierte Sicht sowohl auf Filmgeschichte als auch Filmgeschichtsforschung. Zahlreiche Filmbeispiele zur Darstellungsgeschichte sexueller und geschlechtlicher Vielfalt vermitteln einen Eindruck vom wiederholten Changieren zwischen Radikalität und Mainstream, die auch die teilweise durchaus konträren und kontroversen wissenschaftlichen Zugänge zum Thema prägen.

25.06.2018
Sexualpädagogik als Orientierungshilfe im Diversity-Trouble
Prof. Dr. Uwe Sielert (Sozialpädagogik, Universität Kiel)

Der Vortrag plausibilisiert zunächst die grundsätzliche Bedeutung von Geschlecht und sexueller Orientierung für die sexuelle Bildung als Praxis und die Sexualpädagogik als Disziplin.

Das Zusammendenken dieser Teilaspekte sexueller und geschlechtlicher Identität wie auch eine Sexualpädagogik der Vielfalt insgesamt hat sowohl in der Öffentlichkeit als auch in diversen Fachdiskursen zu Verunsicherungen geführt, die mit dem Begriff ‚Diversity-trouble‘ gekennzeichnet werden können. Gemeint ist das Unbehagen

  • an der Infragestellung grundlegender Annahmen der Heteronormativität
  • der Antidiskriminierungsinitiativen, mit Sexualität in Berührung gebracht zu werden
  • der Sexualpädagogik mit kriminellen Diversityaspekten, z. B. der Pädophilie in Verbindung gebracht zu werden
  • einer an Emanzipation orientierten Pädagogik mit dem Diversitybegriff insgesamt.

Damit das jeweils existierende Unbehagen nicht mit Bedrohung, innere Angst nicht mit äußerer Gefahr und Konflikt nicht mit Angriff verwechselt wird, bedarf es der nüchternen sexualpädagogischen Betrachtung der im Diversity Trouble“ aufgeworfenen Fragen.

02.07.2018
Intersexualität und medizinische Geschlechtsabgrenzungen
Dr. Susanne Ude-Koeller / Dr. Nadine Metzger (Medizingeschichte, FAU)

Biologisch-medizinische Geschlechtsdefinition erscheint als einer der wesentlichen Grundlagen für die praktische und rechtliche Einteilung von Menschen als weiblich oder männlich. Reflektiert werden muss über die Selbstverständlichkeit des heteronormativen binären Geschlechtsmodells insbesondere in Fällen körperlich uneindeutig ausgeprägter innerer und äußerer Geschlechtsmerkmale, der Intersexualität. In diesem Grenzbereich werden biologische Geschlechtsdefinitionen genauso wie gesellschaftliche Normsetzungen herausgefordert und überaus kontrovers verhandelt: ist die Person mit intersexuellen Geschlechtsmerkmalen krank oder wird sie durch eine Gesellschaft krank gemacht, die selbst an mangelnder Toleranz für geschlechtliche Uneindeutigkeit krankt? Als Kummulationspunkt verschiedener zentraler Fragen der Gender Studies wurde die Intersexualität in der Vergangenheit häufig im Gender-Diskurs als Beispiel aufgeführt, diskutiert und auch instrumentalisiert, häufig an den sehr vielschichtigen und komplexen Realitäten der „Betroffenen“ vorbei. Intersexualität ist ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Phänomene unklarer Geschlechtsausprägung und braucht einen vielschichtigen Blick auf das Thema in seinen medizinischen, kulturellen, gesellschaftlichen, psychologischen und ethischen Dimensionen.

Der zweigeteilte Beitrag möchte zunächst in medizinische, gesellschaftliche, gendertheoretische und politische Diskurse zur Intersexualität einführen (Metzger) und dann in einem konkreten Praxisbeispiel auf aktuelle Umgangsweisen mit Intersexualität in Deutschland und die Perspektiven der involvierten Personen fokussieren (Ude-Koeller).

09.07.2018
Gender, sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität und das verfassungsrechtliche Verbot der Geschlechtsdiskriminierung
Prof. Dr. Ulrike Lembke (Rechtswissenschaft, Fernuniversität Hagen)

 


Gender im 21. Jahrhundert aus interdisziplinärer Perspektive:  Revisionen und Visionen einer neuen Geschlechterforschung

Ringvorlesung und Diskussionsforum Sommersemester 2017

Organisation: Prof. Dr. Doris Feldmann und Prof. Dr. Annette Keilhauer

Die Frage nach der ‚Zukunft von Gender‘, nach kritischen Perspektiven und nach einer neuen Agenda der Geschlechterforschung, beginnt mit der Reflexion des Wandels von Begriffen und Ansätzen – einschließlich deren Folgen. Die allgemeingesellschaftliche Popularisierung von Fragen der Geschlechterdifferenz hat zu begrifflichen Unschärfen beigetragen, die analytisch-kritisch zu beleuchten sind. Dadurch beförderte politisch-ideologische Polarisierungen in Sachen Gender (und z.T. auch Diversity) gilt es zunächst gesellschaftlich-kulturell zu kontextualisieren und zu erklären, um den Blick auf neue Forschungsperspektiven lenken zu können.

Die gesellschaftliche Relevanz von Genderfragestellungen ist größer denn je, zumal sich inzwischen nicht nur die Männlichkeitsforschung etabliert hat, sondern Gender-Identitäten auch zunehmend als multipel bzw. plural verstanden werden.

Die Ringvorlesung soll diese neuen Entwicklungen und Impulse sowohl über einen Input von einschlägigen WissenschaftlerInnen außerhalb der FAU Erlangen-Nürnberg  als auch über einen Austausch innerhalb der FAU reflektieren und fortschreiben – mit dem Ziel einer erweiterten und vertieften multi- bzw. interdisziplinären Zusammenarbeit .

Die Vortragenden werden auf den aktuellen Stand von Genderfragestellungen in ihrer Einzeldisziplin eingehen und deren interdisziplinäre Perspektivierung für zukünftige Forschungen skizzieren.  Folgende Fragen sollen als Grundlage der Diskussion dienen: Welchen Status und Institutionalisierungsgrad haben aktuell Genderthemen in Ihrem Fach? Welche Fragestellungen stehen bei den Forschungen im Zentrum? Welche theoretisch-methodischen Rahmenkonzepte werden hierzu verwendet? Welche aktuellen interdisziplinären Forschungsansätze favorisieren Sie und welche Perspektiven und Notwendigkeiten sehen Sie für eine Weiterentwicklung dieses Lehr- und Forschungsschwerpunkts in der Zukunft?

Termine: jeweils dienstags 18:00-19:30 Uhr in KH 1.020
am 30.5.: Technische Fakultät, KS I (Kurssaal I), Raum 1.421, Cauerstraße 4


16.5.: Prof. Dr. Sigrid Nieberle (Institut für deutsche Sprache und Literatur, Technische Universität Dortmund): „Aufbruch zu neuen Rändern: Konkurrierende und konvergierende Differenzkonzepte in den Literatur- und Kulturwissenschaften“

Dass sich unlängst eine Prügelei in einem Magdeburger Hörsaal entwickelte, weil ein AfD-Politiker aus der Universität vertrieben werden sollte, ist ein deutliches Zeichen für eine zunehmend aggressive Debattenkultur.[1] Dass außerdem der geladene und letztlich am Sprechen gehinderte Politiker aber nur das Vorprogramm zu einem ‚Anti-Gender’-Vortrag eines Neurobiologen darstellte, ist kein Zufall.[2] Im Hintergrund der Saalschlacht auf einem YouTube-Video ist eine Powerpoint-Folie zu erkennen mit der Frage: „Wie tickt das weibliche Gehirn, wie das männliche?“[3] Nun, hoffentlich machen beide keine unangenehmen Geräusche mit ihren Weckrufen, wenn sie uns an den Leipziger Neurologen Paul Möbius und seine Schrift über den „Physiologischen Schwachsinn des Weibes“ (1900) und an Hedwig Dohms Replik „Die Antifeministen“ (1902) erinnern wollen.

30.5.: Prof. Dr. Sigrid Schmitz (Gastprofessur Gender & Science, Institut für Geschichte, Humboldt Universität Berlin): „Gender & Science Technology Studies: Neue Ansätze zur Verschränkung von Natur-Kultur-Technik“

„Bringing Gender into Science“: dieses Anliegen steht seit mehreren Jahrzenten im Zentrum der Gender & Science Technology Studies. Mit der Integration von Konzepten, Forschungsmethoden und epistemologischen Ansätzen der naturwissenschaftlich-technischen Genderforschung geht es um eine Berücksichtigung von Sex/Gender-Aspekten auf allen Ebenen der Forschung und Entwicklung.

Heute werden in verschiedenen naturwissenschaftlich-technischen und biomedizinischen Fächern Verschränkungen und Grenzüberschreitungen zwischen Natur, Technik und Kultur erforscht, z.B. in der Epigenetik, in den Neuro- und Kognitionswissenschaften oder in den Umweltwissenschaften, und in Entwicklungsfeldern eingesetzt. Mit ihrem Advice Paper zu Gender Research and Innovation: Integrating Sex and Gender Analysis into Research Processes schließt sich die League of European Research Universities (LERU 2015) Europäischen und internationalen Top-Down Initiativen zur Unterstützung des Dialogs zwischen der MINT-Fächern und den Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften an, um mit wechselseitiger Expertise Gender bezogenen Ein- und Auswirkungen an diesen Schnittstellen zu berücksichtigen.

Ich werde Ansätze und Strategien für einen solchen inter- und transdisziplinären Dialog zwischen den Gender & Science Technology Studies und den MINT-Fächern vorstellen. Anhand verschiedener Initiativen werde ich die Potenziale und Herausforderungen zur Einbringung von Genderthematiken in den MINT-Fächern zur Diskussion stellen.


13.6.: Prof. Dr. Anatoli Rakhkochkine (Pädagogik, FAU Erlangen-Nürnberg): „Geschlechterdifferenz aus der Perspektive von Diversity Education und internationaler Bildungsforschung“


27.6.: Gender und Differenzkonzepte in der aktuellen kultur- und literaturwissenschaftlichen Forschung: Nachwuchsforum I – Impulsreferate und Diskussion: Dr. Sandra Fluhrer (Komparatistik), Dr. Katrin Horn (Amerikanistik), Maja Jäckle (Anglistik)

Dr. Sandra Fluhrer (Komparatistik)

Männlichkeit als Provokation: Zum Verhältnis von Differenz und Maskerade bei Heiner Müller

Der Beitrag setzt am Verhältnis von Differenz und Différance – zeichenbasierter Grenzziehung und fortlaufender Zeichenverschiebung – an. Im ‚nach-postmodernen‘ akademischen Geschlechterdiskurs lässt sich z.T. ein Unbehagen mit fluiden und performativen Geschlechterkonzepten beobachten. Diesem Unbehagen werden implizite oder explizite Wünsche nach klareren Grenzziehungen entgegengestellt (vgl. aktuelle ‚Genderismus‘-Bewegungen, aber auch – davon freilich unterschieden – Zwischenrufe aus linksliberaler Richtung, wie Manfred Schneiders Plädoyer für mehr agon innerhalb – so die Behauptung – ‚zunehmend verweiblichender‘ Geisteswissenschaften im Feuilleton der NZZ). Aufzuhängen scheint sich die Kontroverse zwischen diesen Positionen insbesondere an Konzepten der Männlichkeit. Bei diesen handelt es sich, so ein wiederholter Befund in der Männlichkeitsforschung, ebenso sehr um Konstruktionen und Maskeraden, wie dies für alle anderen geschlechterdifferentiellen Zuschreibungen gilt. Gleichwohl eignet männlichen Maskeraden vor dem Hintergrund einer ‚männlichen Herrschaft‘ (Pierre Bourdieu) eine Tendenz, ihren letztlich gleichermaßen unhintergehbar trügerischen Charakter weitaus fester und gegründeter erscheinen zu lassen, als dies z.B. für weibliche Maskeraden der Fall ist, die seit jeher als Ausdruck eines Mangels gelten (vgl. dazu u.a. Männlichkeit als Maskerade, hrsg. v. Claudia Benthien und Inge Stephan, 2003). Eine Auseinandersetzung mit strategischen Maskeraden der Männlichkeit findet sich im Werk und in der Autorinszenierung Heiner Müllers. Sie sind in dem Beitrag der Ausgangspunkt für eine Reflexion über die Bedeutung von Differenz im Diskurs und die Frage nach der Möglichkeit eines Einsatzes von Grenzziehungen, die nicht festsetzen, nicht ausschließen und nicht hinter die Erkenntnisse der Geschlechterforschung seit den 1970er Jahren zurückgehen.

 

Dr. Katrin Horn (Amerikanistik)

Camp: Queer-feministische Perspektiven auf Populärkultur

Mein Impulsvortrag wird herauszuarbeiten, wie Camp es ermöglicht, Formen der Repräsentation zu finden, die sich der “Sichtbarkeits-Logik” zeitgenössischer Medien entziehen und nicht die Unterscheidung zwischen ‘positiver’ und ‘negativer’ Darstellung perpetuieren. Anhand kurzer Beispiele aus zeitgenössischer Populärkultur wird der Vortrag erläutern, wie Camp eben solche dominanten Stereotypen und hegemonialen Bewertungsmechanismen sichtbar macht und dadurch der Reflexion und Kritik öffnet. Dabei werden auch die interdisziplinären Aspekte der Analyse (Verbindung von Gender Studies, Cultural Studies, Film Studies, Musicology, und Queer Studies) kurz beleuchtet.

Zur Verwendung des Begriffs: Camp lässt sich als eine Form von Parodie beschreiben, welche durch Übertreibung, Theatralität, Ästhetizismus und Ironie die Konstruiertheit des Referenzobjektes offen legt. Gleichzeitig handelt es sich auch um einen Gemeinschaft stiftenden Code, der davon lebt, dass durch vorgenommene Umwertung ästhetischer Normen auch soziale Demarkierungen in Frage gestellt werden. Speziell dieser kommunal-affektive Aspekt ist in der jüngeren Auseinandersetzung mit Camp in den Hintergrund gerückt, wodurch die ästhetische Strategie und ihre Wirkung allerdings grundsätzlich verfälscht werden. Ich argumentiere dementgegen für eine Definition von Camp als »detached attachment«, also als einer »distanzierten Zugewandheit«. Diese in sich zunächst widersprüchliche Formulierung ist unter anderem deswegen gewählt, weil Camp grundsätzlich durch Widersprüche, Brüche und Unvereinbarkeiten (zwischen Form und Inhalt, Rahmung und Ästhetik etc) gekennzeichnet ist. Darüber hinaus betont die Formulierung des »detached attachment«, wie die Camp-konstituierenden Elemente kritische Reflexion und emotionale Bindung nicht ohne einander zu denken sind und einander jeweils bedingen.

Die theoretische Spezifizierung von Camp ist dabei nicht reiner Selbstzweck, sondern dient einer differenzierten Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Medienprodukten und deren Bedeutung für marginalisierte Zielgruppen.

 

 

Maja Jäckle, M.A. (Anglistik)

Weiblichkeitsentwürfe und Konsum im mittviktorianischen Roman

Spätestens seit der Londoner Weltausstellung von 1851 kann von einer Konsumgesellschaft in England gesprochen werden. Diese Konsumgesellschaft zeichnet sich durch die Zirkulation zahlreicher Waren aus, welche in ‚passivem’ Konsum erworben bzw. in ‚aktivem’ Konsum gehandelt werden. Wenn Konsum im Sinne vom „Erwerb, Besitz und der Benutzung von Waren“ als eine Reihe sozialer, kultureller Praktiken verstanden wird (Eichhammer 2013, 191), kann eine Analyse dieser Praktiken u.a. schichts- und gender-spezifische Diskurse offen legen. Der Weiblichkeitsentwurf eines Mittelschichtsdiskurses bindet die Rolle der Frau im Mittviktorianismus an Mutterschaft sowie effiziente Haushaltsführung. Nimmt man an, dass die materielle Welt der Konsumgegenstände und -praktiken wie auch zeitgenössische Diskurse Eingang in mittviktorianische Romane fanden, lassen sich die narrativ-textuellen Repräsentationen dieser Aspekte untersuchen. Charles Dickens’ Roman Bleak House eignet sich hier für eine exemplarische Analyse: Der Roman erschien 1852 bis 1853 in Fortsetzungsheftchen und liegt damit zeitlich nahe der Jahrhundertmitte und der Londoner Weltausstellung. In Bleak House wird durch die aktiv konsumierende Figur Mrs Jellyby ein zum Mittelschichtsdiskurs alternativer Weiblichkeitsentwurf vorgeführt. Dieser Entwurf wird in der Handlungsstruktur des Romans erprobt und von der weiblichen Erzählstimme kommentiert. Dabei steht die Erzählerin selbst für einen Mrs Jellyby entgegengesetzten Weiblichkeitsentwurf. Dadurch, dass diese Weiblichkeitsentwürfe durch Konsumpraktiken und auf verschiedenen Strukturebenen des Romans verhandelt werden, bietet die Romandarstellung interessante Ansatzpunkte für die Analyse der fiktiven Ein- und Fortschreibungen unterschiedlicher Konzeptionen von Weiblichkeit.


4.7.: Prof. Dr. Stefan Horlacher (Institut für Anglistik und Amerikanistik, Technische Universität Dresden): „Männlichkeit(en) in der Krise? Aktuelle Perspektiven der Männlichkeitsforschung and beyond

Prof. Dr. Stefan Horlacher (Technische Universität Dresden):

„Männlichkeit(en) in der Krise? Aktuelle Perspektiven der Männlichkeits­forschung and beyond

 

Nicht nur, dass Herbert Grönemeyer bereits in den 1980er Jahren fragte: „Wann ist der Mann ein Mann?“, es ist zudem geradezu Mode geworden, von einer „Krise der Männlichkeit“ zu sprechen – als ob immer schon klar wäre, was „Männlichkeit“ überhaupt ist. Vielleicht sind es ja gerade die ver­meintlich krisenhaften Momente, die Männlichkeit erst konstituieren.

Aufbauend auf einer knappen Darlegung, die zeigen soll, wie der aktuelle Stand von Männlichkeitsforschung als akademischer Disziplin zu bewerten ist und welche Kor­rek­turen ggf. vorgenommen werden sollten, erfolgen eine kurze, durchaus lebens­weltlich fundierte Rechtfertigung, warum die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Männlichkeit notwendig erscheint sowie ein detaillierter Überblick über die wich­tig­sten Herangehens­weisen der Masculinity Studies. Genau wie das Konzept „Männlichkeit“ selbst werden diese kritisch hinterfragt, an die eigene Forschung rückgebunden und dann um Perspektiven der Trans­gender und Intersex Studies im Sinne einer Verabschiedung der bisher gebräuchlichen Geschlechter-Binaritäten er­wei­tert.


11.7.: Gender und Differenzkonzepte in der aktuellen kultur- und literaturwissenschaftlichen Forschung: Nachwuchsforum II – Impulsreferate und Diskussion: Carmen Dexl, M.A. (Amerikanistik), Dr. Victoria Gutsche (Neuere deutsche Literaturwissenschaft), Judith Holland, M.A. (Soziologie/Büro für Gender und Diversity)

Carmen Dexl, M.A. (Anglistik)

Körper in Bewegung und Inszenierungen von Identität im Modern Dance

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Deutschland und die USA zu prägenden Schauplätzen neuer Körper- und Bewegungskonzepte und trugen damit maßgeblich zur Popularisierung einer neuen Form des modernen Bühnentanzes bei. Diese wird heute—der amerikanischen Begriffsbezeichnung folgend—generell ‚Modern Dance‘ genannt, aber im deutschen Kontext auch als ‚Ausdruckstanz‘ im Besonderen kategorisiert, wobei die unterschiedlichen Bezeichnungen nicht über die wechselseitige Einflussnahme, die Wegbereiterinnen des neuen modernen Bühnentanzes über nationale Grenzen hinweg aufeinander ausübten, hinwegtäuschen soll.

Modernen Bühnentanz, wie er in Deutschland und den USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts proliferierte, verstehe ich als eine künstlerische Praxis und kulturelle Produktion, die die soziale Bedeutung von Körpern zu verhandeln sucht. Dabei werden nicht nur Differenzkategorien wie Gender und Sexualität, Race und Ethnizität oder soziale Klasse performativ hinterfragt und umgedeutet, sondern auch Konzeptionen nationaler Identität inszeniert und damit einhergehend Diskurse von Staatsbürgerschaft diskutiert. Da die Etablierung von Modern Dance in den USA bzw. Ausdruckstanz in Deutschland mit dem Zeitalter der Moderne korreliert, konzentriert sich meine Forschung auf den Zeitraum von 1900 bis 1950. Ich vertrete die Grundannahme, dass die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Veränderungen dieser Dekaden durch das Medium Tanz, das sich dezidiert nicht-sprachlicher Ausdrucksweisen bedient, auf einzigartige Weise interpretiert werden: Körper in Bewegung fungieren im Rahmen von modernem Bühnentanz nicht zuletzt aufgrund ihrer performativen Wirkmacht als bevorzugtes Ausdrucksmittel, um Vorstellungen von Identität, das heißt geschlechtlicher, ethnischer, sozioökonomischer, nationaler etc. Identität, in ihren intersektionalen Dimensionen zur Schau zu stellen und neu zu beleuchten.

In meinem Impulsvortrag möchte ich skizzieren, wie Vertreterinnen des Modern Dance bzw. Ausdruckstanzes, darunter Isadora Duncan (1877–1927) und Martha Graham (1894–1911), die Ausdruckskraft des tanzenden Körpers zu nutzen suchten, um eine Brücke zwischen Kunst und politischen, insbesondere feministischen Anliegen zu schlagen. Mein Hauptaugenmerk gilt dem Alvin Ailey American Dance Theater, einer der seit den 1960er Jahren weltweit erfolgreichsten Modern-Dance-Kompanien, die vor allem afro-amerikanischen Tänzerinnen und Tänzern zu Anerkennung verhalf. Anhand ausgewählter Produktionen möchte ich den von Alvin Ailey geprägten Modern-Dance-Stil vorstellen und die kulturelle Leistung von Tanz hinsichtlich der Möglichkeiten, mit Konstruktionen von Identität zu experimentieren, diskutieren.

 

Dr. Victoria Gutsche (Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)

Positionierung im Netzwerk.

Konstruktionen weiblicher Autorschaft in Editionen des 18. Jahrhunderts

Weibliche Autorschaft und weibliches Schreiben stellen spätestens seit den 1960er Jahren zwei zentrale Forschungsgebiete der feministischen bzw. genderorientierten Literaturwissenschaft dar, so dass inzwischen eine Fülle von Überblickdarstellungen und Einzelstudien vorliegt, die nicht nur der Frage nachgehen, wie Geschlechtlichkeit in literarischen Texten konstruiert wird, sondern auch die Produktions- und Rezeptionsbedingungen von Autorinnen des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts in den Blick nehmen. Bisher kaum näher systematisch untersucht wurde jedoch die editorische Tätigkeit von Frauen im 18. Jahrhundert, die im Vortrag am Beispiel von Dorothea Henriette von Runckel und ihrer Edition der Briefe L.A.V. Gottscheds beleuchtet wird. Aufgezeigt werden dabei zum einen die editorischen Prinzipien Runckels, die Gottsched nicht nur als vorbildliche Briefschreiberin erscheinen lassen, sondern auch als Autorin, die die „Geschlechtszensur“ (Becker-Cantarino 2000, 53) subversiv unterläuft. Zum anderen wird der Bedeutung und Funktion der Edition im Kontext weiblicher Netzwerkbildung nachgegangen.

 

Judith Holland M.A. (Soziologie)

Geschlechterwissen in Gewerkschaften: Ein deutsch-französischer Vergleich

Die vergleichende Analyse der gewerkschaftlichen Interessenvertretung von Frauen bildet sowohl in der Geschlechter- als auch in der Gewerkschaftssoziologie immer noch eine Leerstelle. Der Beitrag setzt an dieser Schnittstelle von Gender- und Industrial Relations-Forschung an, indem er fragt, was Gleichstellungspolitik in deutschen und französischen Gewerkschaften bedeutet. Das Wissen unterschiedlicher Gewerkschaftsrepräsentant*innen lässt sich diesbezüglich nicht hierarchisieren. Mit Angelika Wetterer und ihrem wissenssoziologischen Konzept des Geschlechterwissens wird vielmehr davon ausgegangen, dass sich Wissensformen qualitativ unterscheiden und idealtypisch voneinander abgrenzen lassen, je nachdem, auf welche Anerkennung sie aus sind und welche Praxis sie ermöglichen. Trotz historisch unterschiedlich gewachsener Strukturen und Kulturen der weiblichen Erwerbsarbeit sowie der Gewerkschaften in Deutschland und in Frankreich, folgen die Konstruktion geschlechtsspezifischer Interessen in Gesellschaft und Erwerbsarbeit und die Deutung der sozialen Lage von Frauen innerhalb des gewerkschaftlichen Kontexts nur ansatzweise einer länderspezifischen Logik. Wie weibliche Interessen definiert und wie sie in und durch Gewerkschaften vertreten werden (sollen), variiert vielmehr nach Gewerkschaftszugehörigkeit, innergewerkschaftlicher Position und anderen soziogenetischen Merkmalen. Als Ergebnis wird eine Typologie von Deutungsmustern vorgestellt, in denen sich Geschlechterwissen und Gewerkschaftsverständnis jeweils unterschiedlich verbinden. Die empirische Basis des Beitrags bildet die Analyse und Auswertung  gewerkschaftlicher Dokumente und Materialien sowie von Interviews, die im Rahmen eines qualitativ vergleichenden Promotionsprojekts mit Gewerkschaftssekretär*innen durchgeführt worden sind.


18.7.: Prof. Dr. Andrea Abele-Brehm (Psychologie, FAU Erlangen-Nürnberg): „Expliziter und impliziter Gender Bias – Auftreten und Konsequenzen“

Unter „bias“ versteht man in der Psychologie verzerrte Wahrnehmungsprozesse, die aufgrund einfacher „Faustregeln“ bei der Informationsverarbeitung zustande kommen. Biases wirken häufig automatisiert, d.h. sie sind uns nicht bewusst, man spricht dann von „impliziten“ biases. „Explizite“ biases dagegen sind verzerrte Wahrnehmungsprozesse, die durch Stereotype und Vorurteile zustande kommen und – zumindest prinzipiell – bewusst gemacht werden können.

Im Vortrag werde ich geschlechtsbezogene implizite und explizite biases anhand von Beispielen genauer darstellen und theoretisch einordnen. Ich werde zeigen, wie sich solche biases auf komplexere Urteilsprozesse, z.B. auf die Bewertung von Leistungen oder von Fähigkeiten auswirken. Abschließend werde ich dieses Thema in den breiteren Rahmen der (sozial-)psychologischen Genderforschung einordnen.

 


Vorlesungsreihe Von der Sprachstandsdiagnose zur sprachlichen Förderung

Organisation: Didaktik des Deutschen als Zweitsprache