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Ringvorlesungen

Zuordnungen in Bewegung: Geschlecht und sexuelle Orientierung quer durch die Disziplinen

Ringvorlesung Sommersemester 2018

Organisation: Interdisziplinäres Zentrum Gender – Differenz – Diversität (IZGDD)
Kontakt: Prof. Dr. Annette Keilhauer, annette.keilhauer@fau.de
Unterstützt von der Dr. Alfred-Vinzl-Stiftung

 

Ausgehend von Begrifflichkeiten und Konzepten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes, das Diskriminierungen wegen des Geschlechts und der sexuellen Identität verhindern will, stellt sich die grundlegende Frage nach der inhaltlichen Konkretisierung, Abgrenzung und möglichen Verbindung dieser (Zu-)Ordnungskonzepte. Die changierende Relevanz, Ausfächerung und Problematisierung von Gender, Körper und Sexualität stellt sich in aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen mit neuer Brisanz. Im Rahmen der Ringvorlesung wird das Verständnis von und die Beziehung zwischen Geschlecht und sexueller Orientierung in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen anhand von paradigmatischen Fallbeispielen beleuchtet, die Fragen nach Überschreitung und Verwischung von sowie nach Überlagerungen und Fortschreibungen von Differenzen aufwerfen. Dabei wird auch die mit gesellschaftlichkulturellen Dynamiken einhergehende Veränderung von Prämissen und Verfahren, etwa durch noch weitere Ausdifferenzierungen oder durch eine Revision von Zuschreibungen, kritisch in den Blick genommen.

Termin: jeweils montags, 18:00-19:30,
Kollegienhaus, Universitätsstraße 15, KH 1.020

Das Programm zum Download finden Sie hier.

Programm

16.04.2018
Geschlecht – Sex – Gender – Spektrum – sexuelle Identität – sexuelle Orientierung: Konzeptuelle Modellierungen aus rechts- und kulturwissenschaftlicher Sicht
Prof. Dr. Jochen Hoffmann / Prof. Dr. Doris Feldmann (Rechtswissenschaft / Anglistik, FAU)

Die Disziplinen bilden ihre Untersuchungsgegenstände jeweils unterschiedlich über differente Konzepte. Kultur- und Rechtswissenschaft unterscheiden sich bereits in Bezug auf basale Begrifflichkeiten:  Während das Allgemeine Gleichstellungsgesetz Diskriminierungen wegen des ‚Geschlechts‘ und der ‚sexuellen Identität‘ verbietet, knüpft die Kulturwissenschaft an Vorstellungen von ‚Sex‘, ‚Gender‘ und ‚sexueller Orientierung‘ bzw. Begehren an. In einem fakultätsüberschreitenden, interdisziplinären Dialog sollen hier grundlegende Differenzierungskategorien vorgestellt und auf ihre jeweiligen Implikationen hin erörtert werden.

23.04.2018
Geschlecht und sexuelle Orientierung aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive: Transitionen und transformatorische Bildungsprozesse
Prof. Dr. Anatoli Rakhkochkine (Pädagogik, FAU)

Im Vortrag wird die erziehungswissenschaftliche Perspektive auf die Kategorien „Geschlecht“ und „sexuelle Orientierung“ vorgestellt. Diese Kategorien werden in unterschiedlicher Intensität und – in historischer Perspektive – unterschiedlich lange thematisiert. Ausgehend von der Differenzdebatte und aktuellen Konzepten von Diversity und Diversity Education in der Erziehungswissenschaft werden im Vortrag unterschiedliche Zugänge zur Definition, Konstruktion und Dekonstruktion dieser Kategorien und ihre Wirkung in pädagogisch relevanten Zusammenhängen diskutiert. Anschließend wird mit Bezug auf die Theorie von Bildung als Transformation diskutiert, inwieweit Transitionen zwischen den Ausprägungen der jeweiligen Kategorie (Geschlechtsumwandlung, Coming Out) als  transformatorische Bildungsprozesse im Kontext der Diversität analysiert werden können.

07.05.2018
Binäre Schöpfungsordnung oder versöhnte Vielfalt? Theologische Perspektiven auf geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung
Prof. Dr. Peter Bubmann (Theologie, FAU)

Warum artikulieren viele normativen Dokumente der großen Religionsgemeinschaften überhaupt ein Interesse an der Sexualität ihrer Mitglieder? Warum sollte sich Gott um die sexuelle Orientierung und Identität überhaupt „scheren“? Am Beispiel der jüdischen wie christlichen Dokumente aus Bibel und Tradition ist zu zeigen, wie normative Prinzipien wie Generativität und Komplementarität der Geschlechter theologische Grundüberzeugungen überlagern, teils stützen, teils aber auch in Spannung treten zu wesentlichen Glaubensaussagen. Insbesondere eine zu unmittelbare Koppelung des Gottesverständnisses mit Formen einer zumeist ungeschichtlich verengten Schöpfungsordnungstheologie müssen aus heutiger theologischer Sicht kritisch hinterfragt werden.

14.05.2018
Kulturanthropologische Perspektiven auf Geschlecht, Sexualität und Recht
Prof. Dr. Beate Binder (Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin)

28.05.2018
Wissen – Milieu – Geschlecht: Eine empirische Untersuchung über den Geschlechterdiskurs in weiblichen Gemeinschaften
Prof. Dr. Renate Liebold (Soziologie, FAU)

Wie funktionieren weibliche Gemeinschaften? Welche Bedeutung haben Geschlecht, Geschlechtszughörigkeit und sexuelle Orientierung für das kollektive ‚Wir’ und wie nehmen die Frauen in den unterschiedlichen Gruppen darauf Bezug? Diese und andere Fragen sind der Rahmen des Vortrags, der sich in einer wissenssoziologischen Perspektive mit der Geschlechterdifferenz und einer differenten Vergesellschaftung von Frauen und Männern im Milieuvergleich auseinandersetzt. Gerade dann, wenn Frauen in Selbsthilfegruppen, Vereinen, Netzwerken oder auch exklusiven Clubs ‚unter sich’ sind, spielt das Geschlechterverhältnis eine zentrale identitätsstiftende Rolle. Die verschiedenen Gruppen lassen sich dabei als Orte der Aneignung und Konstruktion kultureller Ordnungen interpretieren. Es kann empirisch gezeigt werden, wie das geschlechtsexklusive Setting der Gruppen die Geschlechterunterscheidung als permanent stattfindende soziale Praxis (re-)produziert. Zugleich wird ebenso deutlich, dass das Geschlechter-Wissen an den ‚sozialen Raum’ rückgekoppelt ist und wesentlich durch das Herkunftsmilieu der Frauen mitbestimmt wird.

Der soziologische Blick auf das empirische Phänomen der weiblichen Gemeinschaft kann zeigen, wie das Deutungsmuster Geschlecht und die Differenzierungspraxis auch in der modernen Gegenwartsgesellschaft über geschlechtsexklusive Räume kulturell festgeschrieben wird.

04.06.2018
Monsieur Vénus und Dr. James Barry: Literarische Inzenierungen von Transgender und Passing
Dr. Susanne Gruß / Prof. Dr. Annette Keilhauer (Anglistik / Romanistik, FAU)

Literarische Texte, die den Umgang mit geschlechtlichen Ambivalenzen inszenieren, sind nicht nur Zeugnisse kulturhistorischer Differenz. Sie entwerfen gleichzeitig auch Wirklichkeiten, die die realen gesellschaftlichen Gegebenheiten der Zeit ihrer Entstehung überschreiten oder außer Kraft setzen und über die literarische Aneignung der Vergangenheit einen kritischen Blick auf die historische Konstruiertheit von Geschlecht werfen. Dadurch gestalten literarische Texte performativ Geschlechterkonstellationen, die einen aktiven Beitrag zu gesellschaftlichen Diskussionen und Veränderungen liefern können.

Der Vortrag greift zwei literarische Texte aus der französischen und britischen Literaturgeschichte auf, die beide auf ihre Weise einen solchen Beitrag leisten.

Der Roman Monsieur Vénus war das Erstlingswerk von Rachilde alias Marguerite Eymery (1860-1953), einer Autorin und Journalistin, die der männlich dominierten und oft misogynen französischen Décadence zugeordnet wird. Sie inszeniert einen geschlechtlichen Rollentausch, der sich im Text schrittweise und subtil sprachlich konstruiert und sowohl innerhalb der Romanwirklichkeit als auch in der französischen Gesellschaft der dritten Republik weitgehend auf Unverständnis stieß. Der Text wurde schnell als Skandalroman verurteilt, was der um öffentliche Aufmerksamkeit ringenden Autorin gerade recht war, aber seine besondere literarhistorische Rolle lange verdeckt hat. Erst seit Ende des 20. Jahrhunderts hat die Neulektüre des Textes zu einer Aufwertung seines innovativen Potentials geführt, denn er inszeniert erstmals in dieser Deutlichkeit die sprachlich-performative Natur nicht nur von geschlechtlicher Identität, sondern auch von erotischer Rollenidentifizierung.

Im zweiten Fallbeispiel, Patricia Dunckers Roman James Miranda Barry (1999), gilt das Augenmerk dem 19. Jahrhundert und seiner Aneignung im neoviktorianischen Roman der Gegenwart. Dr. James Barry (1795-1865) war als Militärarzt eine prominente Figur im Britischen Empire, ein medizinischer Pionier, der unter anderem einen der ersten erfolgreichen Kaiserschnitte durchführte. Barry war auch, wie erst nach seinem Tod bekannt wurde, eine biologische Frau (und Mutter eines Kinders). Seit der sensationellen (und in Teilen sensationslüsternen) Enthüllung seines (ihres?) Geschlechts gilt Barry als häufig zitiertes Paradebeispiel für männliches Passing und – zumindest möglicherweise – für Transgender. Dunckers Roman verweigert sich diesen Zuschreibungen und inszeniert Barrys Geschlecht im Zeichen der Konstruiertheit von Geschlecht und Gender.

11.06.2018
“Hermaphrodite, Intersex, and Disorders of Sex Development.” The Meaning of the Contested Uses of “Umbrella Terms” for People with Diverse Sex Characteristics”
Prof. Dr. Peter Hegarty (Social Psychology, University of Surrey)

In recent years, the vulnerability of people with diverse sex characteristics in standard medical treatment contexts has become a matter of global human rights concern.  Such physical traits arise in human development spontaneously for multiple reasons, and several disciplines have developed “umbrella” terms to describe and categorize people who have such traits. In this talk, I first historize the strong contrasting preferences for the umbrella terms “intersex” in psychosocial, legal, and humanities fields, and “disorders of sex development” (or DSD) in biomedicine and clinical medicine for such folk.  Second, I will review the emerging empirical literature on the preferences for terms among people with diverse sex characteristics and their family members.  Third, I present an empirical analysis of the semantic structure of three umbrella terms “hermaphrodite,” “intersex”, and “DSD” drawing on members of the lay public in the UK and USA.  Fourth, I contrast the claims of experts about what these terms do, with findings from interviews with young people with diverse sex traits and their parents and careers in the UK and Scandanavia about what terms do in their day-to-day lives.  The ordinary but complex social identity demands in people’s lives helps to explain my support for contemporary intersex advocates’ calls for a politics of sex characteristics rather than intersex identities alone.

18.06.2018
Zensiert, inszeniert, zelebriert? LGBTQ in filmhistorischer Perspektive
Dr. Katrin Horn (Amerikanistik, Universität Bayreuth)

Die Zahl der preisgekrönten und/oder kommerziell erfolgreichen Filme mit LGBTQ-Charakteren und Storylines scheint in den letzten Jahren rasant anzusteigen, von den Cannes-Sensationen Blue is the Warmest Color (FR, 2013) und The Handmaiden (KOR, 2015) zu Oscar-Anwärtern wir Carol (USA, 2015), Moonlight (USA, 2016) und Call Me by Your Name (USA, 2018). Zur Erweiterung des filmischen Spektrums um queere Charaktere jenseits der weißen Mittelklasse haben neben Moonlight auch kleinere Filme wie Pariah (USA, 2011) und Tangerine (USA, 2015) beigetragen. Ist also der endgültige Bruch mit einer hundertjährigen Tradition von filmischer Zensur schwul-lesbischer Themen im Film erreicht? Und was bedeutet eigentlich Zensur? Wurde immer zensiert? Und immer das Gleiche?

Diese und andere Fragen rund um die (historische) Darstellung queerer Charaktere und Geschichten bilden den Rahmen dieses Vortrags. Über den geschichtlichen Überblick über filmische Darstellungskonventionen hinaus soll der Vortrag auch einen Eindruck darüber vermitteln, wie sexuelle und geschlechtliche Vielfalt die Disziplin Filmwissenschaft geprägt hat. So werden unterschiedliche wissenschaftliche Zugänge vorgestellt, die ebenso wie die Filme selbst, in ihrem historischen Wandel die ständige Veränderung von Termini und Einstellungen widerspiegeln: von frühen Archivarbeiten zur Steigerung der Sichtbarkeit, zur Theoriebildung rund um schwule und lesbische auteurs aus Hollywood goldener Ära (z.B. Dorothy Arzner und George Cukor), bis hin zu psychoanalytischen und dekonstruktivistischen Zugängen. Dabei werden zentrale Begriffe wie Subtext und Camp ebenso erläutert und diskutiert wie zentrale Figuren der Filmwissenschaft wie B. Ruby Rich und Richard Dyer.

Mit einem Fokus auf amerikanisches Kino argumentiert der Vortrag so für eine differenzierte Sicht sowohl auf Filmgeschichte als auch Filmgeschichtsforschung. Zahlreiche Filmbeispiele zur Darstellungsgeschichte sexueller und geschlechtlicher Vielfalt vermitteln einen Eindruck vom wiederholten Changieren zwischen Radikalität und Mainstream, die auch die teilweise durchaus konträren und kontroversen wissenschaftlichen Zugänge zum Thema prägen.

25.06.2018
Sexualpädagogik als Orientierungshilfe im Diversity-Trouble
Prof. Dr. Uwe Sielert (Sozialpädagogik, Universität Kiel)

Der Vortrag plausibilisiert zunächst die grundsätzliche Bedeutung von Geschlecht und sexueller Orientierung für die sexuelle Bildung als Praxis und die Sexualpädagogik als Disziplin.

Das Zusammendenken dieser Teilaspekte sexueller und geschlechtlicher Identität wie auch eine Sexualpädagogik der Vielfalt insgesamt hat sowohl in der Öffentlichkeit als auch in diversen Fachdiskursen zu Verunsicherungen geführt, die mit dem Begriff ‚Diversity-trouble‘ gekennzeichnet werden können. Gemeint ist das Unbehagen

  • an der Infragestellung grundlegender Annahmen der Heteronormativität
  • der Antidiskriminierungsinitiativen, mit Sexualität in Berührung gebracht zu werden
  • der Sexualpädagogik mit kriminellen Diversityaspekten, z. B. der Pädophilie in Verbindung gebracht zu werden
  • einer an Emanzipation orientierten Pädagogik mit dem Diversitybegriff insgesamt.

Damit das jeweils existierende Unbehagen nicht mit Bedrohung, innere Angst nicht mit äußerer Gefahr und Konflikt nicht mit Angriff verwechselt wird, bedarf es der nüchternen sexualpädagogischen Betrachtung der im Diversity Trouble“ aufgeworfenen Fragen.

02.07.2018
Intersexualität und medizinische Geschlechtsabgrenzungen
Dr. Susanne Ude-Koeller / Dr. Nadine Metzger (Medizingeschichte, FAU)

Biologisch-medizinische Geschlechtsdefinition erscheint als einer der wesentlichen Grundlagen für die praktische und rechtliche Einteilung von Menschen als weiblich oder männlich. Reflektiert werden muss über die Selbstverständlichkeit des heteronormativen binären Geschlechtsmodells insbesondere in Fällen körperlich uneindeutig ausgeprägter innerer und äußerer Geschlechtsmerkmale, der Intersexualität. In diesem Grenzbereich werden biologische Geschlechtsdefinitionen genauso wie gesellschaftliche Normsetzungen herausgefordert und überaus kontrovers verhandelt: ist die Person mit intersexuellen Geschlechtsmerkmalen krank oder wird sie durch eine Gesellschaft krank gemacht, die selbst an mangelnder Toleranz für geschlechtliche Uneindeutigkeit krankt? Als Kummulationspunkt verschiedener zentraler Fragen der Gender Studies wurde die Intersexualität in der Vergangenheit häufig im Gender-Diskurs als Beispiel aufgeführt, diskutiert und auch instrumentalisiert, häufig an den sehr vielschichtigen und komplexen Realitäten der „Betroffenen“ vorbei. Intersexualität ist ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Phänomene unklarer Geschlechtsausprägung und braucht einen vielschichtigen Blick auf das Thema in seinen medizinischen, kulturellen, gesellschaftlichen, psychologischen und ethischen Dimensionen.

Der zweigeteilte Beitrag möchte zunächst in medizinische, gesellschaftliche, gendertheoretische und politische Diskurse zur Intersexualität einführen (Metzger) und dann in einem konkreten Praxisbeispiel auf aktuelle Umgangsweisen mit Intersexualität in Deutschland und die Perspektiven der involvierten Personen fokussieren (Ude-Koeller).

09.07.2018
Gender, sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität und das verfassungsrechtliche Verbot der Geschlechtsdiskriminierung
Prof. Dr. Ulrike Lembke (Rechtswissenschaft, Fernuniversität Hagen)

 


Gender im 21. Jahrhundert aus interdisziplinärer Perspektive:  Revisionen und Visionen einer neuen Geschlechterforschung

Ringvorlesung und Diskussionsforum Sommersemester 2017

Organisation: Prof. Dr. Doris Feldmann und Prof. Dr. Annette Keilhauer

Die Frage nach der ‚Zukunft von Gender‘, nach kritischen Perspektiven und nach einer neuen Agenda der Geschlechterforschung, beginnt mit der Reflexion des Wandels von Begriffen und Ansätzen – einschließlich deren Folgen. Die allgemeingesellschaftliche Popularisierung von Fragen der Geschlechterdifferenz hat zu begrifflichen Unschärfen beigetragen, die analytisch-kritisch zu beleuchten sind. Dadurch beförderte politisch-ideologische Polarisierungen in Sachen Gender (und z.T. auch Diversity) gilt es zunächst gesellschaftlich-kulturell zu kontextualisieren und zu erklären, um den Blick auf neue Forschungsperspektiven lenken zu können.

Die gesellschaftliche Relevanz von Genderfragestellungen ist größer denn je, zumal sich inzwischen nicht nur die Männlichkeitsforschung etabliert hat, sondern Gender-Identitäten auch zunehmend als multipel bzw. plural verstanden werden.

Die Ringvorlesung soll diese neuen Entwicklungen und Impulse sowohl über einen Input von einschlägigen WissenschaftlerInnen außerhalb der FAU Erlangen-Nürnberg  als auch über einen Austausch innerhalb der FAU reflektieren und fortschreiben – mit dem Ziel einer erweiterten und vertieften multi- bzw. interdisziplinären Zusammenarbeit .

Die Vortragenden werden auf den aktuellen Stand von Genderfragestellungen in ihrer Einzeldisziplin eingehen und deren interdisziplinäre Perspektivierung für zukünftige Forschungen skizzieren.  Folgende Fragen sollen als Grundlage der Diskussion dienen: Welchen Status und Institutionalisierungsgrad haben aktuell Genderthemen in Ihrem Fach? Welche Fragestellungen stehen bei den Forschungen im Zentrum? Welche theoretisch-methodischen Rahmenkonzepte werden hierzu verwendet? Welche aktuellen interdisziplinären Forschungsansätze favorisieren Sie und welche Perspektiven und Notwendigkeiten sehen Sie für eine Weiterentwicklung dieses Lehr- und Forschungsschwerpunkts in der Zukunft?

Termine: jeweils dienstags 18:00-19:30 Uhr in KH 1.020
am 30.5.: Technische Fakultät, KS I (Kurssaal I), Raum 1.421, Cauerstraße 4


16.5.: Prof. Dr. Sigrid Nieberle (Institut für deutsche Sprache und Literatur, Technische Universität Dortmund): „Aufbruch zu neuen Rändern: Konkurrierende und konvergierende Differenzkonzepte in den Literatur- und Kulturwissenschaften“

Dass sich unlängst eine Prügelei in einem Magdeburger Hörsaal entwickelte, weil ein AfD-Politiker aus der Universität vertrieben werden sollte, ist ein deutliches Zeichen für eine zunehmend aggressive Debattenkultur.[1] Dass außerdem der geladene und letztlich am Sprechen gehinderte Politiker aber nur das Vorprogramm zu einem ‚Anti-Gender’-Vortrag eines Neurobiologen darstellte, ist kein Zufall.[2] Im Hintergrund der Saalschlacht auf einem YouTube-Video ist eine Powerpoint-Folie zu erkennen mit der Frage: „Wie tickt das weibliche Gehirn, wie das männliche?“[3] Nun, hoffentlich machen beide keine unangenehmen Geräusche mit ihren Weckrufen, wenn sie uns an den Leipziger Neurologen Paul Möbius und seine Schrift über den „Physiologischen Schwachsinn des Weibes“ (1900) und an Hedwig Dohms Replik „Die Antifeministen“ (1902) erinnern wollen.

30.5.: Prof. Dr. Sigrid Schmitz (Gastprofessur Gender & Science, Institut für Geschichte, Humboldt Universität Berlin): „Gender & Science Technology Studies: Neue Ansätze zur Verschränkung von Natur-Kultur-Technik“

„Bringing Gender into Science“: dieses Anliegen steht seit mehreren Jahrzenten im Zentrum der Gender & Science Technology Studies. Mit der Integration von Konzepten, Forschungsmethoden und epistemologischen Ansätzen der naturwissenschaftlich-technischen Genderforschung geht es um eine Berücksichtigung von Sex/Gender-Aspekten auf allen Ebenen der Forschung und Entwicklung.

Heute werden in verschiedenen naturwissenschaftlich-technischen und biomedizinischen Fächern Verschränkungen und Grenzüberschreitungen zwischen Natur, Technik und Kultur erforscht, z.B. in der Epigenetik, in den Neuro- und Kognitionswissenschaften oder in den Umweltwissenschaften, und in Entwicklungsfeldern eingesetzt. Mit ihrem Advice Paper zu Gender Research and Innovation: Integrating Sex and Gender Analysis into Research Processes schließt sich die League of European Research Universities (LERU 2015) Europäischen und internationalen Top-Down Initiativen zur Unterstützung des Dialogs zwischen der MINT-Fächern und den Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften an, um mit wechselseitiger Expertise Gender bezogenen Ein- und Auswirkungen an diesen Schnittstellen zu berücksichtigen.

Ich werde Ansätze und Strategien für einen solchen inter- und transdisziplinären Dialog zwischen den Gender & Science Technology Studies und den MINT-Fächern vorstellen. Anhand verschiedener Initiativen werde ich die Potenziale und Herausforderungen zur Einbringung von Genderthematiken in den MINT-Fächern zur Diskussion stellen.


13.6.: Prof. Dr. Anatoli Rakhkochkine (Pädagogik, FAU Erlangen-Nürnberg): „Geschlechterdifferenz aus der Perspektive von Diversity Education und internationaler Bildungsforschung“


27.6.: Gender und Differenzkonzepte in der aktuellen kultur- und literaturwissenschaftlichen Forschung: Nachwuchsforum I – Impulsreferate und Diskussion: Dr. Sandra Fluhrer (Komparatistik), Dr. Katrin Horn (Amerikanistik), Maja Jäckle (Anglistik)

Dr. Sandra Fluhrer (Komparatistik)

Männlichkeit als Provokation: Zum Verhältnis von Differenz und Maskerade bei Heiner Müller

Der Beitrag setzt am Verhältnis von Differenz und Différance – zeichenbasierter Grenzziehung und fortlaufender Zeichenverschiebung – an. Im ‚nach-postmodernen‘ akademischen Geschlechterdiskurs lässt sich z.T. ein Unbehagen mit fluiden und performativen Geschlechterkonzepten beobachten. Diesem Unbehagen werden implizite oder explizite Wünsche nach klareren Grenzziehungen entgegengestellt (vgl. aktuelle ‚Genderismus‘-Bewegungen, aber auch – davon freilich unterschieden – Zwischenrufe aus linksliberaler Richtung, wie Manfred Schneiders Plädoyer für mehr agon innerhalb – so die Behauptung – ‚zunehmend verweiblichender‘ Geisteswissenschaften im Feuilleton der NZZ). Aufzuhängen scheint sich die Kontroverse zwischen diesen Positionen insbesondere an Konzepten der Männlichkeit. Bei diesen handelt es sich, so ein wiederholter Befund in der Männlichkeitsforschung, ebenso sehr um Konstruktionen und Maskeraden, wie dies für alle anderen geschlechterdifferentiellen Zuschreibungen gilt. Gleichwohl eignet männlichen Maskeraden vor dem Hintergrund einer ‚männlichen Herrschaft‘ (Pierre Bourdieu) eine Tendenz, ihren letztlich gleichermaßen unhintergehbar trügerischen Charakter weitaus fester und gegründeter erscheinen zu lassen, als dies z.B. für weibliche Maskeraden der Fall ist, die seit jeher als Ausdruck eines Mangels gelten (vgl. dazu u.a. Männlichkeit als Maskerade, hrsg. v. Claudia Benthien und Inge Stephan, 2003). Eine Auseinandersetzung mit strategischen Maskeraden der Männlichkeit findet sich im Werk und in der Autorinszenierung Heiner Müllers. Sie sind in dem Beitrag der Ausgangspunkt für eine Reflexion über die Bedeutung von Differenz im Diskurs und die Frage nach der Möglichkeit eines Einsatzes von Grenzziehungen, die nicht festsetzen, nicht ausschließen und nicht hinter die Erkenntnisse der Geschlechterforschung seit den 1970er Jahren zurückgehen.

 

Dr. Katrin Horn (Amerikanistik)

Camp: Queer-feministische Perspektiven auf Populärkultur

Mein Impulsvortrag wird herauszuarbeiten, wie Camp es ermöglicht, Formen der Repräsentation zu finden, die sich der “Sichtbarkeits-Logik” zeitgenössischer Medien entziehen und nicht die Unterscheidung zwischen ‘positiver’ und ‘negativer’ Darstellung perpetuieren. Anhand kurzer Beispiele aus zeitgenössischer Populärkultur wird der Vortrag erläutern, wie Camp eben solche dominanten Stereotypen und hegemonialen Bewertungsmechanismen sichtbar macht und dadurch der Reflexion und Kritik öffnet. Dabei werden auch die interdisziplinären Aspekte der Analyse (Verbindung von Gender Studies, Cultural Studies, Film Studies, Musicology, und Queer Studies) kurz beleuchtet.

Zur Verwendung des Begriffs: Camp lässt sich als eine Form von Parodie beschreiben, welche durch Übertreibung, Theatralität, Ästhetizismus und Ironie die Konstruiertheit des Referenzobjektes offen legt. Gleichzeitig handelt es sich auch um einen Gemeinschaft stiftenden Code, der davon lebt, dass durch vorgenommene Umwertung ästhetischer Normen auch soziale Demarkierungen in Frage gestellt werden. Speziell dieser kommunal-affektive Aspekt ist in der jüngeren Auseinandersetzung mit Camp in den Hintergrund gerückt, wodurch die ästhetische Strategie und ihre Wirkung allerdings grundsätzlich verfälscht werden. Ich argumentiere dementgegen für eine Definition von Camp als »detached attachment«, also als einer »distanzierten Zugewandheit«. Diese in sich zunächst widersprüchliche Formulierung ist unter anderem deswegen gewählt, weil Camp grundsätzlich durch Widersprüche, Brüche und Unvereinbarkeiten (zwischen Form und Inhalt, Rahmung und Ästhetik etc) gekennzeichnet ist. Darüber hinaus betont die Formulierung des »detached attachment«, wie die Camp-konstituierenden Elemente kritische Reflexion und emotionale Bindung nicht ohne einander zu denken sind und einander jeweils bedingen.

Die theoretische Spezifizierung von Camp ist dabei nicht reiner Selbstzweck, sondern dient einer differenzierten Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Medienprodukten und deren Bedeutung für marginalisierte Zielgruppen.

 

 

Maja Jäckle, M.A. (Anglistik)

Weiblichkeitsentwürfe und Konsum im mittviktorianischen Roman

Spätestens seit der Londoner Weltausstellung von 1851 kann von einer Konsumgesellschaft in England gesprochen werden. Diese Konsumgesellschaft zeichnet sich durch die Zirkulation zahlreicher Waren aus, welche in ‚passivem’ Konsum erworben bzw. in ‚aktivem’ Konsum gehandelt werden. Wenn Konsum im Sinne vom „Erwerb, Besitz und der Benutzung von Waren“ als eine Reihe sozialer, kultureller Praktiken verstanden wird (Eichhammer 2013, 191), kann eine Analyse dieser Praktiken u.a. schichts- und gender-spezifische Diskurse offen legen. Der Weiblichkeitsentwurf eines Mittelschichtsdiskurses bindet die Rolle der Frau im Mittviktorianismus an Mutterschaft sowie effiziente Haushaltsführung. Nimmt man an, dass die materielle Welt der Konsumgegenstände und -praktiken wie auch zeitgenössische Diskurse Eingang in mittviktorianische Romane fanden, lassen sich die narrativ-textuellen Repräsentationen dieser Aspekte untersuchen. Charles Dickens’ Roman Bleak House eignet sich hier für eine exemplarische Analyse: Der Roman erschien 1852 bis 1853 in Fortsetzungsheftchen und liegt damit zeitlich nahe der Jahrhundertmitte und der Londoner Weltausstellung. In Bleak House wird durch die aktiv konsumierende Figur Mrs Jellyby ein zum Mittelschichtsdiskurs alternativer Weiblichkeitsentwurf vorgeführt. Dieser Entwurf wird in der Handlungsstruktur des Romans erprobt und von der weiblichen Erzählstimme kommentiert. Dabei steht die Erzählerin selbst für einen Mrs Jellyby entgegengesetzten Weiblichkeitsentwurf. Dadurch, dass diese Weiblichkeitsentwürfe durch Konsumpraktiken und auf verschiedenen Strukturebenen des Romans verhandelt werden, bietet die Romandarstellung interessante Ansatzpunkte für die Analyse der fiktiven Ein- und Fortschreibungen unterschiedlicher Konzeptionen von Weiblichkeit.


4.7.: Prof. Dr. Stefan Horlacher (Institut für Anglistik und Amerikanistik, Technische Universität Dresden): „Männlichkeit(en) in der Krise? Aktuelle Perspektiven der Männlichkeitsforschung and beyond

Prof. Dr. Stefan Horlacher (Technische Universität Dresden):

„Männlichkeit(en) in der Krise? Aktuelle Perspektiven der Männlichkeits­forschung and beyond

 

Nicht nur, dass Herbert Grönemeyer bereits in den 1980er Jahren fragte: „Wann ist der Mann ein Mann?“, es ist zudem geradezu Mode geworden, von einer „Krise der Männlichkeit“ zu sprechen – als ob immer schon klar wäre, was „Männlichkeit“ überhaupt ist. Vielleicht sind es ja gerade die ver­meintlich krisenhaften Momente, die Männlichkeit erst konstituieren.

Aufbauend auf einer knappen Darlegung, die zeigen soll, wie der aktuelle Stand von Männlichkeitsforschung als akademischer Disziplin zu bewerten ist und welche Kor­rek­turen ggf. vorgenommen werden sollten, erfolgen eine kurze, durchaus lebens­weltlich fundierte Rechtfertigung, warum die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Männlichkeit notwendig erscheint sowie ein detaillierter Überblick über die wich­tig­sten Herangehens­weisen der Masculinity Studies. Genau wie das Konzept „Männlichkeit“ selbst werden diese kritisch hinterfragt, an die eigene Forschung rückgebunden und dann um Perspektiven der Trans­gender und Intersex Studies im Sinne einer Verabschiedung der bisher gebräuchlichen Geschlechter-Binaritäten er­wei­tert.


11.7.: Gender und Differenzkonzepte in der aktuellen kultur- und literaturwissenschaftlichen Forschung: Nachwuchsforum II – Impulsreferate und Diskussion: Carmen Dexl, M.A. (Amerikanistik), Dr. Victoria Gutsche (Neuere deutsche Literaturwissenschaft), Judith Holland, M.A. (Soziologie/Büro für Gender und Diversity)

Carmen Dexl, M.A. (Anglistik)

Körper in Bewegung und Inszenierungen von Identität im Modern Dance

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Deutschland und die USA zu prägenden Schauplätzen neuer Körper- und Bewegungskonzepte und trugen damit maßgeblich zur Popularisierung einer neuen Form des modernen Bühnentanzes bei. Diese wird heute—der amerikanischen Begriffsbezeichnung folgend—generell ‚Modern Dance‘ genannt, aber im deutschen Kontext auch als ‚Ausdruckstanz‘ im Besonderen kategorisiert, wobei die unterschiedlichen Bezeichnungen nicht über die wechselseitige Einflussnahme, die Wegbereiterinnen des neuen modernen Bühnentanzes über nationale Grenzen hinweg aufeinander ausübten, hinwegtäuschen soll.

Modernen Bühnentanz, wie er in Deutschland und den USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts proliferierte, verstehe ich als eine künstlerische Praxis und kulturelle Produktion, die die soziale Bedeutung von Körpern zu verhandeln sucht. Dabei werden nicht nur Differenzkategorien wie Gender und Sexualität, Race und Ethnizität oder soziale Klasse performativ hinterfragt und umgedeutet, sondern auch Konzeptionen nationaler Identität inszeniert und damit einhergehend Diskurse von Staatsbürgerschaft diskutiert. Da die Etablierung von Modern Dance in den USA bzw. Ausdruckstanz in Deutschland mit dem Zeitalter der Moderne korreliert, konzentriert sich meine Forschung auf den Zeitraum von 1900 bis 1950. Ich vertrete die Grundannahme, dass die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Veränderungen dieser Dekaden durch das Medium Tanz, das sich dezidiert nicht-sprachlicher Ausdrucksweisen bedient, auf einzigartige Weise interpretiert werden: Körper in Bewegung fungieren im Rahmen von modernem Bühnentanz nicht zuletzt aufgrund ihrer performativen Wirkmacht als bevorzugtes Ausdrucksmittel, um Vorstellungen von Identität, das heißt geschlechtlicher, ethnischer, sozioökonomischer, nationaler etc. Identität, in ihren intersektionalen Dimensionen zur Schau zu stellen und neu zu beleuchten.

In meinem Impulsvortrag möchte ich skizzieren, wie Vertreterinnen des Modern Dance bzw. Ausdruckstanzes, darunter Isadora Duncan (1877–1927) und Martha Graham (1894–1911), die Ausdruckskraft des tanzenden Körpers zu nutzen suchten, um eine Brücke zwischen Kunst und politischen, insbesondere feministischen Anliegen zu schlagen. Mein Hauptaugenmerk gilt dem Alvin Ailey American Dance Theater, einer der seit den 1960er Jahren weltweit erfolgreichsten Modern-Dance-Kompanien, die vor allem afro-amerikanischen Tänzerinnen und Tänzern zu Anerkennung verhalf. Anhand ausgewählter Produktionen möchte ich den von Alvin Ailey geprägten Modern-Dance-Stil vorstellen und die kulturelle Leistung von Tanz hinsichtlich der Möglichkeiten, mit Konstruktionen von Identität zu experimentieren, diskutieren.

 

Dr. Victoria Gutsche (Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)

Positionierung im Netzwerk.

Konstruktionen weiblicher Autorschaft in Editionen des 18. Jahrhunderts

Weibliche Autorschaft und weibliches Schreiben stellen spätestens seit den 1960er Jahren zwei zentrale Forschungsgebiete der feministischen bzw. genderorientierten Literaturwissenschaft dar, so dass inzwischen eine Fülle von Überblickdarstellungen und Einzelstudien vorliegt, die nicht nur der Frage nachgehen, wie Geschlechtlichkeit in literarischen Texten konstruiert wird, sondern auch die Produktions- und Rezeptionsbedingungen von Autorinnen des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts in den Blick nehmen. Bisher kaum näher systematisch untersucht wurde jedoch die editorische Tätigkeit von Frauen im 18. Jahrhundert, die im Vortrag am Beispiel von Dorothea Henriette von Runckel und ihrer Edition der Briefe L.A.V. Gottscheds beleuchtet wird. Aufgezeigt werden dabei zum einen die editorischen Prinzipien Runckels, die Gottsched nicht nur als vorbildliche Briefschreiberin erscheinen lassen, sondern auch als Autorin, die die „Geschlechtszensur“ (Becker-Cantarino 2000, 53) subversiv unterläuft. Zum anderen wird der Bedeutung und Funktion der Edition im Kontext weiblicher Netzwerkbildung nachgegangen.

 

Judith Holland M.A. (Soziologie)

Geschlechterwissen in Gewerkschaften: Ein deutsch-französischer Vergleich

Die vergleichende Analyse der gewerkschaftlichen Interessenvertretung von Frauen bildet sowohl in der Geschlechter- als auch in der Gewerkschaftssoziologie immer noch eine Leerstelle. Der Beitrag setzt an dieser Schnittstelle von Gender- und Industrial Relations-Forschung an, indem er fragt, was Gleichstellungspolitik in deutschen und französischen Gewerkschaften bedeutet. Das Wissen unterschiedlicher Gewerkschaftsrepräsentant*innen lässt sich diesbezüglich nicht hierarchisieren. Mit Angelika Wetterer und ihrem wissenssoziologischen Konzept des Geschlechterwissens wird vielmehr davon ausgegangen, dass sich Wissensformen qualitativ unterscheiden und idealtypisch voneinander abgrenzen lassen, je nachdem, auf welche Anerkennung sie aus sind und welche Praxis sie ermöglichen. Trotz historisch unterschiedlich gewachsener Strukturen und Kulturen der weiblichen Erwerbsarbeit sowie der Gewerkschaften in Deutschland und in Frankreich, folgen die Konstruktion geschlechtsspezifischer Interessen in Gesellschaft und Erwerbsarbeit und die Deutung der sozialen Lage von Frauen innerhalb des gewerkschaftlichen Kontexts nur ansatzweise einer länderspezifischen Logik. Wie weibliche Interessen definiert und wie sie in und durch Gewerkschaften vertreten werden (sollen), variiert vielmehr nach Gewerkschaftszugehörigkeit, innergewerkschaftlicher Position und anderen soziogenetischen Merkmalen. Als Ergebnis wird eine Typologie von Deutungsmustern vorgestellt, in denen sich Geschlechterwissen und Gewerkschaftsverständnis jeweils unterschiedlich verbinden. Die empirische Basis des Beitrags bildet die Analyse und Auswertung  gewerkschaftlicher Dokumente und Materialien sowie von Interviews, die im Rahmen eines qualitativ vergleichenden Promotionsprojekts mit Gewerkschaftssekretär*innen durchgeführt worden sind.


18.7.: Prof. Dr. Andrea Abele-Brehm (Psychologie, FAU Erlangen-Nürnberg): „Expliziter und impliziter Gender Bias – Auftreten und Konsequenzen“

Unter „bias“ versteht man in der Psychologie verzerrte Wahrnehmungsprozesse, die aufgrund einfacher „Faustregeln“ bei der Informationsverarbeitung zustande kommen. Biases wirken häufig automatisiert, d.h. sie sind uns nicht bewusst, man spricht dann von „impliziten“ biases. „Explizite“ biases dagegen sind verzerrte Wahrnehmungsprozesse, die durch Stereotype und Vorurteile zustande kommen und – zumindest prinzipiell – bewusst gemacht werden können.

Im Vortrag werde ich geschlechtsbezogene implizite und explizite biases anhand von Beispielen genauer darstellen und theoretisch einordnen. Ich werde zeigen, wie sich solche biases auf komplexere Urteilsprozesse, z.B. auf die Bewertung von Leistungen oder von Fähigkeiten auswirken. Abschließend werde ich dieses Thema in den breiteren Rahmen der (sozial-)psychologischen Genderforschung einordnen.


Vorlesungsreihe Von der Sprachstandsdiagnose zur sprachlichen Förderung

Organisation: Didaktik des Deutschen als Zweitsprache